Aktuelle Ausgabe

MYSTERY Shopping Inkasso 6/2017

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

So werfen Sie schlechtem Geld kein gutes hinterher

Gerade kleinen und mittleren Betrieben bereiten Verzögerungen oder gar Ausfälle ihrer bestehenden Forderungen bisweilen existenzbedrohliche Engpässe. Hier kann Inkasso gute Dienste leisten. Doch die Angebote in diesem Bereich weisen deutliche Unterschiede auf – wer nicht aufpasst, sieht nicht nur das ihm geschuldete Geld nicht wieder, sondern zahlt womöglich noch drauf. Im Rahmen eines Mystery Shoppings hat FACTS fünf Inkassounternehmen einem Vergleich unterzogen.

Unternehmen können noch so tüchtig und ihre Produkte oder Dienstleistungen noch so gut sein: Werden ihre offenen Rechnungen nicht zeitig beglichen, geraten sie schneller, als ihnen lieb ist, in eine wirtschaftliche Schieflage. Doch Gläubiger können sich Abhilfe verschaffen, indem sie darauf spezialisierte Dienstleister mit dem Einzug der fälligen, kaufmännisch ausgemahnten Forderungen beauftragen. „Oberstes Ziel von Inkassounternehmen ist die schnellstmögliche Bezahlung der ausstehenden Rechnung für den Auftraggeber“, erklärt der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen e.V. (BDIU). „Dafür wird stets die erfolgversprechendste Maßnahme angewendet, um berechtigte Forderungen schnell zu realisieren.“

STRENGE AUFLAGEN

In der Regel gehen Inkassobüros so vor, dass sie in einem ersten Schritt auf das sogenannte vorgerichtliche Mahnverfahren setzen. Dieses sieht vor, den Schuldner an seine Verpflichtungen zu erinnern – zunächst schriftlich, anschließend telefonisch – und somit den Zahlungserfolg unter Vermeidung gerichtlicher Verfahren und Zwangsvollstreckungsmaßnahmen zu erwirken. Erst wenn diese Handlungen ohne Ergebnis bleiben, wird in Abstimmung mit dem Auftraggeber – also dem Gläubiger – das gerichtliche Mahnverfahren eingeleitet. Manche Inkassodienstleister reichen die Forderungen hierfür auch an einen Anwalt weiter, der diese Aufgabe übernimmt. Seriöse Inkassodienstleister pflegen, im Vorfeld jede Forderung sorgfältig zu prüfen und ziehen lediglich rechtlich einwandfreie Forderungen ein. Hegen sie Zweifel in Bezug auf deren Schlüssigkeit, geben sie den Auftrag zurück. Als gesetzlich geregelte Rechtsdienstleistung ist Inkasso vom Gesetzgeber im Rechtsdienstleistungsgesetz (RDG) an strenge Auflagen geknüpft worden. Im Inkassogeschäft tätige natürliche Personen müssen über Expertise in den einschlägigen Rechtsgebieten verfügen und dies auch nachweisen können. Auch sind für sie mindestens zwei Jahre Praxis im Bereich der Forderungseinziehung absolute Pflicht. Ferner benötigen sie ein Führungszeugnis des Bundesamts für Justiz sowie geordnete wirtschaftliche Verhältnisse. Eine stringente Kontrolle über die Berufsausübung führt neben der zuständigen Aufsichtsbehörde zudem der BDIU durch, weshalb die Mitgliedschaft im Verband auch als Gütesiegel für eine seriöse Inkassotätigkeit gilt. Verstößt ein Mitglied gegen die Regeln, greift der BDIU auf diverse Sanktionen zurück – von einem Verweis über eine Geldbuße bis hin zum Ausschluss aus dem Verband. Parallel drohen auch Sanktionen durch die Aufsichtsbehörde, die schlimmstenfalls zum Entzug der Inkassoerlaubnis führen können. Trotz festgelegter Regularien gibt es dennoch deutliche Unterschiede in der Arbeitsweise von Inkassounternehmen. Vor allem legen nicht alle die gleiche Gewissenhaftigkeit an den Tag. FACTS wollte es wissen und bat ein befreundetes Unternehmen, bei einigen Inkassodienstleistern ein Angebot anzufordern. Ausgeschrieben wurde der Einzug von nicht bezahlten Rechnungen aus Warenlieferungen und Dienstleistungen nach der zweiten kaufmännischen Mahnung – hierbei handelte es sich um circa 30 bis 50 Forderungen pro Jahr mit einer Forderungshöhe ab
50 Euro bis 1.500 Euro. Der Durchschnitt sollte circa 455 Euro betragen. In der Anfrage wurde um ein schriftliches Angebot gebeten. Dabei wurden Schwerpunkte auf die Erläuterung der Vorgehensweise zum Einzug der Forderungen, auf die Preisgestaltung und Verrechnungsreihenfolge sowie auf die Abrechnungsmodalitäten gelegt.

VERWIRRENDE ANGEBOTE

Sämtliche Antworten kamen fristgerecht. Lediglich die Hüselmann Rechtsanwaltsgesellschaft mbH hielt es nicht für notwendig, eine Rückmeldung zu schicken – ob ihr das Mandat als nicht einträglich genug erschien, sei dahingestellt. Bei der Bewertung der Angebote wurden einige Kriterien besonders berücksichtigt. Dazu gehören die Fragen nach eventuellen Aufnahmegebühren – etwa in Form eines obligatorischen Mitgliedsbeitrags – und nach dem Entrichten einer Nichterfolgspauschale oder sonstiger Extrakosten. Die Konditionen bei Auftragsrückzug, die Durchführung von Telefoninkasso parallel zum Anforderungsschreiben, die Bereitstellung eines Akteninformationssystems und vor allem die Transparenz des Angebots standen ebenfalls im Fokus. Beim Sichten der erhaltenen Unterlagen machte sich bei FACTS Erstaunen breit. Erwartet hatte man strukturierte, eindeutig formulierte Angebote, womöglich mit Mustervertrag. Doch bei drei der Kandidaten – der Creditreform Essen, der Bürgel Dortmund Döneke GmbH & Co. KG und der Bürgel Essen & IKA Inkasso GmbH – war dem Antwortschreiben gar kein Angebot beigefügt, sondern lediglich ein Mustervertrag, aus dem sich die Tester übrigens alle benötigten Informationen mühsam zusammensuchen und sich dabei mit widersprüchlichen Formulierungen auseinandersetzen mussten. Umgekehrt gab es bei der Zyklop Inkasso GmbH, einem Unternehmen der Lowell-Gruppe (ehemals GFKL) – immerhin gehört Lowell zu den führenden Inkassounternehmen in Europa – keinen Mustervertrag und nur ein sehr schlank gehaltenes und nicht ganz leicht zu deutendes Angebot. Lediglich die Freche’s Inkasso GmbH schickte sowohl ein gut verständliches Angebot als auch einen transparenten Vertrag.

ERNÜCHTERNDE ERGEBNISSE

Ebenfalls bei der Frage nach eventuellen Aufnahmegebühren konnte Freche’s Inkasso punkten, wie auch Bürgel Essen & IKA Inkasso, da diese zwei Dienstleister keine verlangen. Kosten für eine Nichterfolgspauschale vorgerichtlich gibt es bei Freche’s auch nicht – es wird nur einmal bezahlt, wenn im Gesamtverfahren (vorgerichtlich, gerichtlich und nachgerichtlich) kein Erfolg zustande gebracht wird. Und was Extrakosten angeht, entstehen sowohl bei der Creditreform gar keine – angesichts des saftigen Jahresbeitrags wäre es aber doch ein Unding, wenn es welche gäbe – als auch schon wieder bei Freche’s Inkasso, weshalb das Unternehmen schließlich als klarer Sieger aus der Gegenüberstellung hervorgeht. Diese ernüchternden Ergebnisse zeigen, dass sich Vergleichen auf jeden Fall lohnt. Es kostet zwar viel Zeit, wie FACTS feststellen konnte, dafür aber weniger Geld. Von intransparenten, unklar formulierten Angeboten sollten Gläubiger, die auf der Suche nach einem Inkassodienstleister sind, die Finger lassen. Schließlich wollen sie ihre Forderungen erhalten und dem schlechten Geld am Ende kein gutes hinterherwerfen.

Graziella Mimic

 

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Fotos: shutterstock

 

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