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LEISTUNGSTEST Monitorarme 10/2017

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Ergonomisch, beweglich, stark

Eine flexibel einstellbare Monitorhalterung ist Bestandteil eines ergonomischen Arbeitsplatzes: eine kleine Investition mit großem Effekt. Vier vergleichbare Arme von vier verschiedenen Herstellern hat FACTS in einem Leistungstest unter die Lupe genommen – mit dem Ergebnis: Alle sind gut, einer ist besser.

 

Als Kernstücke des ergonomischen Arbeitsplatzes gelten ein ausreichend großer Schreibtisch und ein beweglicher, individuell einstellbarer Stuhl. Beides muss auch aufeinander abgestimmt und an die Körpermaße des „Platzhalters“ angepasst werden. Ganz besonders sinnvoll ist eine Sitz/Steh-Kombination – ein Schreibtisch, dessen Höhe sich mit wenigen Handgriffen verändern lässt, sodass Arbeiten im Sitzen und im Stehen möglich ist. Weil diese Ausstattung für die Gesundheit so wichtig ist, zahlt die Deutsche Rentenversicherung in vielen Fällen sogar einen beachtlichen Zuschuss für Tisch und Stuhl.

Was bei dieser Betrachtung oft zu kurz kommt, ist der Bildschirm, der seit etlichen Jahren untrennbar mit dem Büroarbeitsplatz verbunden ist. Was nützt die beste ergonomische Ausstattung, wenn man sich doch bücken, drehen oder anderweitig verrenken muss, um die Bildschirmarbeit zu erledigen? Bevor man wegen der Verspannungen auf den Stuhl mit Prädikat „ergonomisch“ schimpft, sollte man sich erst einmal ansehen, ob der Bildschirm in Höhe, Neigung und Sichtabstand auch gut positioniert ist. Die richtige Einstellung lässt sich am besten mit einem Monitorarm vornehmen, ein einfacher Bildschirmständer bietet nur eingeschränkte Möglichkeiten.
Ein beweglicher Monitor hat nicht nur Vorteile für den Rücken. Kommen Kollegen zur Besprechung an den Tisch, kann man den Bildschirm so drehen und neigen, dass alle etwas sehen. Und reflektiert die Sonne zu einer bestimmten Stunde, lässt sich der Bildschirm auch einfach ein bisschen wegdrehen. Für Wechselarbeitsplätze, beispielsweise bei Schichtdienst im Callcenter, können Groß und Klein im Nullkommanichts für die bestmöglichen Bildschirmpositionen sorgen.

Dutzende Hersteller bieten Monitorständer und -arme an. Vier vergleichbare Monitorarme hat FACTS ausgesucht – von Dataflex (Viewmate Plus), Ergotron (LX), Humanscale (M2) und ein markenloses Produkt des chinesischen Herstellers Shanghai Think Wise, dem jeder Fachhändler seinen eigenen Namen gibt – FACTS hat ihn unter dem Namen My View getestet.

AUFBAU MIT ZWINGE

Es gibt unterschiedliche Halterungen, um einen Monitorarm anzubringen: mit Zwinge an den Schreibtisch geklemmt, mit einem „Dorn“ durch die Platte gestochen, am Schreibtisch oder an der Wand dahinter an einer Schiene, direkt an der Wand oder sogar an der Decke befestigt. Für den Testzweck bietet sich die Klemmvariante an, um den Arm möglichst flexibel an verschiedenen Orten und mit verschiedenen Probanden auszuprobieren. Außer bei Humanscale war in den Lieferungen zusätzlich ein Dorn enthalten.

Für den Test haben FACTS-Redakteure zunächst einen langen Tisch genutzt, an dem sie die Monitorarme „Schulter an Schulter“ miteinander vergleichen konnten. Da man nie wissen kann, ob es in einem Unternehmen einen versierten Handwerker gibt, der die Montage vornimmt, oder ob die Schreibtischkraft das selbst tun soll, sind bei FACTS unterschiedlich erfahrene Tester nacheinander zum Zuge gekommen – vom versierten Testredakteur bis zu einer Person, die nach eigenen Angaben zwei linke Hände hat. Alle sind mit dem Aufbau zurechtgekommen, mehr als 15 Minuten hat niemand gebraucht. Die Montage des Modells My View mit nur 13 Teilen ging besonders schnell, doch ebenso die des Viewmate Plus von Dataflex, trotz der fast doppelt so vielen Komponenten, weil er sehr durchdacht konstruiert ist. Dataflex und Ergotron haben mehrsprachige Bedienungsanleitungen beigelegt, Humanscale und Shanghai Think Wise nur englische. Da alle vier Hersteller zum großen Teil mit Abbildungen gearbeitet haben, spielt die Sprache jedoch nicht die Hauptrolle

ANBRINGEN UND EINSTELLEN

Nach dem Aufbau kann der Monitor angebracht werden. Die Arme von Humanscale und Shanghai Think Wise sind standardmäßig mit einem Schnellverschluss versehen, in die der Monitor mit der VESA-Befestigung bequem eingehängt wird (zu VESA siehe Kasten auf Seite 25). Diese Schnellverschlüsse sind übrigens genau gleich, als kämen sie von demselben Hersteller. Bei den Armen von Dataflex und Ergotron hätte der Monitor eigentlich mitsamt VESA-Halterung angeschraubt werden müssen. Beide Hersteller bieten optional auch einen Schnellverschluss zum Preis von 9 beziehungsweise 20 Euro. Dieser Aufpreis empfiehlt sich dringend, denn spätestens beim Abbauen und vor allem, wenn der Monitorarm schlecht zugänglich an der Wand befestigt sein sollte, gestaltet sich die Schrauberei mühsam. Ebenso, wenn der Bildschirm wie im FACTS-Test häufig gewechselt wird. Um das Herumbaumeln von Kabeln zu verhindern, verläuft am Arm entlang eine Kabelführung, die teilweise ummantelt ist.

Um den Arm auf das Gewicht des Monitors einzustellen, gibt es verschiedene Schrauben, die mit einem Innensechskantschlüssel betätigt werden. Nun weiß ein Normalsterblicher gar nicht, wie er den Arm justieren soll, damit er sich mühelos bewegen lässt, ohne abzusinken. Es gibt jede Menge Schrauben, doch welche sind zum Feststellen und welche zum Justieren gedacht? Und wie macht man das überhaupt? An diese Nutzer haben nicht alle Hersteller gedacht. Dataflex und Shanghai Think Wise sind dabei vorbildlich mit Symbolen direkt am Arm, wodurch man erfährt, welche Schrauben zur Verstellung vorgesehen sind und was sie in welcher Drehrichtung bewirken. Bei Humanscale und besser noch bei Ergotron hilft es, die Bedienungsanleitung zurate zu ziehen, beide beschreiben auch, wie eine ergonomische Positionierung sein sollte.


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SCHNELLVERSCHLUSS: Sehr praktisch, spätestens wenn der Bildschirm gewechselt wird. Humanscale und Shanghai Think Wise haben allerdings vergessen, in die Bedienungsanleitung zu schreiben, wie man den Verschluss wieder öffnet.

  

 

 

 

 

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PLUSPUNKT: Ergotron hat werkzeuglose Monitorschrauben mitgeliefert, die komfortabel funktionieren und noch dazu schick aussehen

 

 

 

 

 

 

Doch wie stark ist so ein Arm denn nun wirklich? Um das herauszufinden, hat FACTS die entsprechenden Schrauben bis zum Anschlag angezogen und eine robuste Monitor-attrappe (2,25 Kilogramm Eigengewicht) mit Gewichten beschwert. So sollte die Höchstgewichtsangabe des Herstellers überprüft werden. Für My View von Shanghai Think Wise und M2 von Humanscale waren zehn beziehungsweise neun Kilo angegeben; diese haben sie übertroffen, erst bei mehr als elf machten sie allmählich schlapp. Viewmate Plus von Dataflex sollte bescheidenere acht schaffen, trug aber mehr als neun, bevor er sich langsam neigte. Bis dahin ließ er sich sogar noch so leicht bewegen wie unter geringerer Belastung: Das hat am meisten überzeugt. Abgeschlagen ist beim Krafttest LX von Ergo-tron, der mit elf Kilo angegeben hatte, doch schon bei knapp über acht in die Knie – oder besser in den Ellenbogen – ging.

RAUS AUS DEM LABOR

Nach der Gegenüberstellung unter Laborbedingungen wollte die FACTS-Redaktion die Monitorarme auch nach ihrer Alltagstauglichkeit im Vergleich beurteilen. Dafür hat sie die an vier Mitarbeiterschreibtischen angebracht und alle paar Tage gewechselt. Als am gelenkigsten erwies sich dabei der Viewmate Plus. Alle Tester waren sich einig, dass sich der Bildschirm mit ihm am besten auf die individuellen Bedürfnisse einstellen lässt. Auch der My View lässt sich gut verstellen, doch ganz so beweglich wie Viewmate Plus ist er nicht. M2 ist über ein 3D-Gelenk mit dem Monitor verbunden, bewegt sich insgesamt jedoch etwas „stockelig“, so ein Urteil, der LX erschien vergleichsweise instabil.

Die Optik der Monitorarme ist tatsächlich eine individuelle Angelegenheit. „Retro-Style“ beispielsweise urteilten Möbelexperten, wie sie in der FACTS-Redaktion als Besucher ein- und ausgehen, über den LX. Ob das ein Plus oder ein Minus ist, entscheidet der persönliche Geschmack. Tendenziell bevorzugten sie den schlichten, schlanken Viewmate Plus. Ein Lob bekommen Viewmate Plus und My View für die diskreten Zwingen, bei M2 hingegen ist die Oberseite der Zwinge aus Plastik, das gefiel niemandem. Schön bei M2 und My View ist, dass die Kabel auch unten durch einen Clip bis zur Tischkante geführt werden, während die beiden anderen oberhalb des „Fußgelenks“ aufhören. Beim LX fallen ganz negativ Kabelbinder auf, mit denen die Kabelführung gelöst ist.

 

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VORBILDLICH: Dataflex zeigt mit Symbolen direkt am Arm des Viewmate Plus, wo und wie die Einstellungen vorzunehmen sind.

 

 

 

 

 

 

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KOPF HOCH: Am Verschluss des LX von Ergotron weist eine Warnung (allerdings nur auf Englisch) darauf hin, dass der Arm hochschnellt, wenn der Monitor abgenommen und der Arm entlastet wird. Das tut er aufgrund der Feder im Inneren bei den anderen auch, dort kann man nur hoffen, dass das Kinn nicht in der Schusslinie ist. Bei FACTS blieben glücklicherweise alle Tester unversehrt..

 

 

 

 

Bild11ALLE SIND GUT, EINER IST BESSER: Der Viewmate Plus von Dataflex war leicht aufzubauen und punktete vor allem bei der geschmeidigen Bedienung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn wir noch den Umweltaspekt einbeziehen, auf den immer mehr Nutzer großen Wert legen, hat Viewmate Plus klar die Nase vorn. Schon die Verpackung ist rational konstruiert und enthält ausschließlich recycelbare Materialien. Letzteres gilt auch für M2, doch ist der Karton unnötig groß, sodass er viel Luft enthält. Die Hersteller von LX und My View nutzen Schaumstoff und Styropor – eine Umweltsünde. Bis auf die abnehmbaren und recycelbaren Verschlüsse ist Viewmate Plus sortenrein aus einem Stahlguss und kann in einem Stück dem Kreislauf zugeführt werden, sollte er einst nicht mehr gebraucht werden. Das ist bei den drei anderen Armen nicht der Fall, da sie aus gemischten Materialien hergestellt sind – insbesondere die Gasdruckfeder von My View, sofern sich jemand die Mühe macht, sie auszubauen, kann nur mit allergrößtem Aufwand getrennt werden.

AND THE WINNER IS …

Und wer hat nun die Nase vorn? Was den ergonomischen Nutzen angeht, haben alle Testkandidaten ihre Aufgabe erfüllt. Und auch in Sachen Handling und Belastungsfähigkeit hat kein Monitorarm richtig schlecht abgeschnitten. Sie waren alle insgesamt gut, doch einer war besser: der Viewmate Plus von Dataflex. Ausschlaggebend war schlussendlich die Summe der oft kleinen, aber feinen Unterschiede zu den Mitstreitern wie beispielsweise die schnelle werkzeuglose Montage und Demontage oder die aus Testersicht beste Einstellung auf individuelle Bedürfnisse. Und scheinbar ist Viewmate Plus der einzige Kandidat, der zudem noch an die Umwelt gedacht hat. Alles in allem eine runde Sache, die Dataflex aufs Siegertreppchen gebracht hat.

Anja Knies

 

 Tabelle Monitorarme2