Aktuelle Ausgabe

INTERIEUR Beleuchtung 11/2017

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Absolut alter(n)sgerecht

Wie verändert sich im Alter das Sehvermögen – und wie sollte die Beleuchtung darauf abgestimmt sein? Christoph Waldmann, Produktmanager bei der Herbert Waldmann GmbH & Co. KG, kennt alle Hintergründe und gibt wertvolle Tipps zur Beleuchtung im Büro sowie für den Pflegebereich.

 

FACTS: Licht dient ja nicht nur zum (besseren) Sehen – es beeinflusst auch die Gesundheit allgemein, das Wohlbefinden, die Konzentrationsfähigkeit und die Leistungsfähigkeit der Menschen sowohl im Alltag als auch im Berufsleben. Doch wir wissen alle, dass sich das Sehvermögen mit dem Alter verändert – inwiefern? Und was sind dabei die größten Probleme?

Christoph Waldmann: Das Sehvermögen nimmt auf verschiedenen Ebenen mit zunehmendem Alter ab. Im Vergleich zu einem 20-Jährigen braucht ein 70-Jähriger etwa eine dreifach höhere Leuchtdichte, um Reize überhaupt wahrzunehmen. Im höheren Alter kommt es zu einem Verlust der Kontrastempfindlichkeit bei mittleren und höheren Ortsfrequenzen, insbesondere bei geringer Beleuchtung. Etwa 70 Prozent aller Über-60-Jährigen benötigen im Vergleich zu einem 25-Jährigen daher einen mehr als dreimal so großen Kontrast, um eine äquivalente Leistungsfähigkeit ihrer visuellen Funktionen zu erreichen. Die Entwicklung der Farbwahrnehmung nimmt sogar bereits ab 30 Jahren ab. Ein weiterer Aspekt der altersbedingten Veränderungen ist eine höhere Blendempfindlichkeit. Das bedeutet, dass die Empfindlichkeit gegenüber blendendem Licht und Lichtreflexionen im Alter zunimmt. Weitere altersbedingte Veränderungen können sein: eine verzögerte Scharfeinstellung, die Hell-Dunkel-Adaptation, eine beeinträchtigte Tiefenwahrnehmung sowie Alterssichtigkeit.

FACTS: Wie würde grundsätzlich eine alter(n)sgerechte Beleuchtung aussehen? Auf welche Faktoren muss dabei geachtet werden?

Waldmann: Es gilt, eine individuelle, auf die jeweiligen Bedürfnisse der Mitarbeiter abgestimmte Beleuchtungslösung zu finden, die den unterschiedlichen Anforderungen gerecht wird. Das wird idealerweise durch eine Mehrkomponentenbeleuchtung realisiert, also die Kombination einer blendfreien Raumbeleuchtung mit einer an die spezifischen Sehaufgaben und den jeweiligen Nutzer anpassbaren Arbeitsplatzleuchte. Individuelle Einstellmöglichkeiten sollten beispielsweise durch einen dreh- und schwenkbaren Leuchtenkopf realisierbar sein. Leuchten sollten idealerweise stufenlos und flimmerfrei dimmbar sein. Zudem ist eine regelbare Beleuchtung mit Direkt- und Indirektanteil empfehlenswert.

FACTS: Als Leuchtenhersteller haben Sie sich mit diesem Thema intensiv befasst und entsprechende Produkte kreiert. Was ist das Besondere an den Waldmann-Leuchten in Bezug auf einen ergonomischen, altersgerechten Arbeitsplatz?

Waldmann: Unsere Beleuchtungssysteme orientieren sich nicht nur an den gesetzlichen Normen und den Anforderungen, die sich aus der Arbeitsplatzsituation ergeben. Wir gehen noch weiter. Anforderungen an ein vorgeschädigtes Auge sind höher als an ein gesundes Auge, deshalb können die Normwerte nur schwer als Optimum bezeichnet werden. Aus diesem Grund verfügen unsere arbeitsplatznahen Leuchten grundsätzlich über eine höhere Beleuchtungsstärke. Statt der für Bildschirmarbeitsplätze geforderten 500 Lux werden beispielsweise 800 Lux genutzt. Ähnlich verhält es sich am Industriearbeitsplatz. Mangelnde Lichtverhältnisse beeinflussen nicht nur die Augengesundheit der Mitarbeiter, sondern erhöhen hier auch noch das Risiko für Unfälle erheblich. Doch auch zu viel und zu starkes Licht ist kontraproduktiv, da es zu Reflexionen und Blendungseffekten führt.

FACTS: Altersgerechte Beleuchtung sollte es nicht nur am Arbeitsplatz geben; auch im Pflegebereich können entsprechende Leuchten gute Dienste leisten – inwiefern? Und welche Beleuchtungslösungen kommen hier idealerweise zum Einsatz?

Waldmann: Da die Sehkraft mit zunehmendem Alter noch weiter nachlässt, hat das einschneidende Folgen für die Selbstständigkeit von pflegebedürftigen Senioren. Unsicherheit und Angst beeinflussen die Bewegung im Alltag. Gutes Licht kann das verschlechterte Sehvermögen zwar nicht kompensieren, es kann jedoch Sicherheit zurückgeben. Bei Blendung werden Hindernisse nicht rechtzeitig erkannt. Extreme Hell-Dunkel-Übergänge überfordern das Auge. Eine altersgerechte Beleuchtung hilft uns, besser zu sehen, uns im Raum zu orientieren, Fehlinterpretationen und Stürze zu verhindern. Stürze sind in höheren Altersgruppen weit verbreitet. Ernsthafte Verletzungen mit lang andauernden Rehabilitationen und dauerhaften Einschränkungen der Selbstständigkeit können die Folge davon sein. So können Investitionen in die richtige Beleuchtung in Pflegeeinrichtungen eine Senkung der Sturzgefahr unterstützen. Eine professionelle Lichtgestaltung verhindert Unsicherheit durch Blendung oder Schatten und verbessert die Bewegungssicherheit. Senioren können ihre Umwelt wieder aktiver erleben.

FACTS: Wie steht es mit dem Thema Licht und Prävention? Kann man, wenn man frühzeitig eine individuell angepasste Beleuchtung verwendet, gewissen „Schäden“ vorbeugen?

Waldmann: Eine gute Beleuchtung trägt in jedem Alter zur Gesunderhaltung bei. Denn ob zu hell, zu dunkel, Schattenwurf oder Reflexionen – all das stört die visuelle Verarbeitung. Zum Ausgleich werden die Augen zusammengekniffen, der Kopf wird verdreht, eine ungünstige Sitzposition eingenommen. Als Folge ermüden die Augen schneller, die Konzentration nimmt ab, im schlimmsten Fall entstehen Verspannungen, Rücken- und Kopfschmerzen. Es ist außerdem unbestritten, dass Licht unmittelbaren Einfluss auf unseren Körper und insbesondere unsere Hormone hat. Das zirkadiane System, das für den Schlaf-wach-Rhythmus des Menschen verantwortlich ist, wird mit zunehmendem Alter schwächer und weniger präzise. Das kann zu Schlaf- und Aktivitätsproblemen führen. Dem entgegenwirken können sogenannte biodynamische Lichtsysteme (Human Centric Lighting), die den natürlichen Tageslichtverlauf nachahmen, also im Tagesverlauf die Farbtemperatur und Farbintensität ändern. Es ist mittlerweile bewiesen, dass Licht, das sich dem Tagesverlauf anpasst, das Wohlbefinden der Mitarbeiter nachhaltig stärken und gezielt die Gesunderhaltung am Arbeitsplatz nicht nur bei den älteren, sondern auch bei den jüngeren Mitarbeitern fördern kann.

 

Christoph Waldmann

 

  

 

„Eine gute Beleuchtung trägt in jedem Alter zur Gesunderhaltung bei. Denn ob zu hell, zu dunkel, Schattenwurf oder Reflexionen – all das stört die visuelle Verarbeitung.“

CHRISTOPH WALDMANN, Produktmanager bei der Herbert Waldmann GmbH & Co. KG