Aktuelle Ausgabe

FACTS TITEL Umwelt-Management 7-8/ 2017

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Auf der Suche nach dem grünen Zweig

Umweltschutz als Hobby-Thema für einige versessene Polemiker: Das war gestern. Heute weiß jeder, habe er noch so wenig mit dem Öko-Pathos am Hut, dass stets knappere Ressourcen bei zunehmender Weltbevölkerung Politik und Wirtschaft vor noch nie da gewesene Herausforderungen stellen. So wächst der Druck auf Unternehmen, nachhaltig zu handeln – die Kunden erwarten es, der Gesetzgeber verpflichtet sie dazu. Sogar Investoren machen ihre Entscheidung, in eine Firma ihr Geld anzulegen, immer öfter von deren Ökobilanz abhängig. Kann der Mittelstand da überhaupt mithalten?

Die systematische Ausbeutung von Klima, Luft, Böden, Flora und Fauna und die anarchistische Urbanisation in manchen Gegenden der Welt stellen die Zukunft unserer Lebenswelten und ein weiteres Bestehen unserer Wirtschaftssysteme stark infrage. Somit „wird die Steigerung der Ressourceneffizienz in der nationalen und internationalen Politik immer mehr zu einem wichtigen Thema“, wie die bereits vor vier Jahren im Auftrag der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführte Studie „Nachhaltiges Wirtschaften im Mittelstand – Möglichkeiten zur Steigerung der Ressourceneffizienz in kleinen und mittleren Unternehmen“ herausfand. Angesichts der Kostenentwicklung für Material und Energie im deutschen verarbeitenden Gewerbe sei diese Auseinandersetzung auch dringend geboten. Es ist nicht so, dass der Mensch erst seit gestern auf seine Umwelt aktiv einwirkt. Schon ab 9000 vor Christus begannen die neolithischen Völker in Vorderasien – die ersten, die von Pflanzen- und Tierzucht lebten – in manchen Gegenden Felder und Heiden anzulegen. Später fingen diese Farmer an, Wälder zu verbrennen, um die dadurch gewonnenen Lichtungen zu bestellen oder für die Viehhaltung zu nutzen. Auf diese Weise eignete sich der Mensch die Fähigkeit an, seinen natürlichen Raum zu verändern – früher hatte er sich der Natur anpassen müssen und sich damit begnügt, zu jagen, zu fischen oder Beeren zu pflücken. Seitdem ist jedoch eine Menge Zeit vergangen und die methodische Zerstörung der natürlichen Ressourcen hat ein solches Ausmaß erreicht, dass die Zukunft der nächsten Generationen stark beeinträchtigt wird. Experten monieren und warnen schon seit Jahren vor den Folgen, wie unter anderem die Vereinten Nationen (UN) oder die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in regelmäßigen, beunruhigenden Berichten und dringenden Appellen. Bereits Ende 2005 forderte das UN-Klimasekretariat in seinem Bericht, die Politik müsse endlich global an einem Strang ziehen, um die Emission von Treibhausgasen radikal zu senken, bevor die Schäden irreversibel sind, berichtete Karin Kneissl in ihrem ein Jahr später erschienenen Buch „Der Energiepoker – wie Erdöl und Erdgas die Weltwirtschaft beeinflussen“. Es gehe nicht mehr bloß um die Verschmutzung der Umwelt, sondern um deren Zerstörung mit all ihren Folgen für Natur und Menschen bis hin zur Massenflucht aus betroffenen Regionen. Hiervon sollen auch wesentliche Teile Europas betroffen sein.

ALARMSTUFE ROT

„Für den Mittelmeerraum zeichnen die Klimaforscher düstere Prognosen einer Versteppung der Küsten, akuten Wassermangel mit drastischen Folgen für die Landwirtschaft und den Tourismus“, schreibt Kneissl. Bis 2080 sei ein Anstieg der Durchschnittstemperatur in Europa um zwei bis vier Grad möglich. An den Nordseeküsten könne der Meeresspiegel infolge des Abschmelzens des arktischen Eises um einige Meter steigen und damit weite Teile der Niederlande und Norddeutschlands allen Deichbauten zum Trotz unter Wasser setzen. Die Lage ist also ernst und es herrscht schon Alarmstufe Rot. Dies alleine allerdings und die wiederholten Mahnungen der Experten hätten die Wirtschaft nicht unbedingt dazu bewegen können, sich mit dem Thema Ökologie auseinanderzusetzen. Vielmehr haben die in regelmäßigen Abständen stattfindenden Naturkatastrophen den Umweltschutz in die öffentliche Diskussion gebracht, wo er mittlerweile mit der damit verbundenen Energiefrage einen zentralen Platz eingenommen hat. Umfragen fanden heraus, dass für circa 85 Prozent der EU-Bürger Umweltfragen genauso wichtig wie soziale oder ökonomische Themen sind. Wobei die Umweltfrage stark von sozialen und ökonomischen Aspekten geprägt ist. So sollte es kein Zufall sein, dass die Zunahme der ökologischen Probleme zeitgleich mit der globalen wirtschaftlichen Expansion stattfindet. Wohl gemerkt: Dabei nimmt die „ökologische Ungerechtigkeit“ ebenfalls zu. Denn manche Regionen haben große Fortschritte in Sachen Umwelt gemacht, indem sie einfach ihre Fertigung mit all den Folgen in andere Gegenden ausgelagert haben. Jedenfalls gibt es nun ein öffentliches Bewusstsein für die Umweltfrage, das auf Unternehmen einen starken Druck ausübt. Wollen sie die Erwartungen der Konsumenten nicht enttäuschen, die von ihnen das Pflegen ethischer Werte und das Tragen von sozialer Verantwortung mit Nachdruck verlangen, sehen sie sich zum Handeln gezwungen. Nicht nur die Kunden machen Druck, sondern auch der Gesetzgeber anhand von Standards und anderer Regularien. So gibt es immer mehr Richtlinien, die Herstellern vorschreiben, was sie bei der Produktion, der Entsorgung und dem Recycling ihrer Produkte berücksichtigen müssen. Dem Verbraucher sollen Umweltzeichen wie etwa der „Blaue Engel“ und einige andere die nötige Orientierung geben. Inzwischen bilden zahlreiche – immer zahlreichere – Öko-Label eine unübersichtliche Sammlung und sorgen mitunter auch für Verwirrung. Sogar Investoren zwingen Unternehmen dazu, in Sachen Nachhaltigkeit aktiv zu werden und machen eine gute Ökobilanz zu einem ausschlaggebenden Kriterium bei ihrer Entscheidung für eine Anlage. „Anleger weltweit wollen ihre persönlichen Wertvorstellungen auch in ihrer Geldanlage wiederfinden, wie eine globale Umfrage unter 7.100 Privatanlegern ergibt“, schrieb das Handelsblatt online im vergangenen Juni. „Insgesamt äußerten drei Viertel der Befragten diesen Wunsch. Zu ihren persönlichen Werten zählen sie, in Firmen zu investieren, die eine solide Umweltbilanz aufweisen und als sozial verantwortungsbewusst eingruppiert werden.“ Ein weiterer Grund für die Wirtschaft, sich zur Umwelt zu bekennen, ist der allgegenwärtige Sparzwang. Quer durch die Branchen sind Einsparungen an der Tagesordnung. So müssen Unternehmen und Organisationen Produkte anbieten, die helfen, Energie zu sparen und Abfall zu vermeiden, dessen Entsorgung immer teurer wird. Zumal auch Energie immer kostspieliger wird. Ob in die Höhe schnellende Benzinpreise oder rasant steigende Gas- und Strompreise – in den vergangenen Jahren war eine kontinuierliche Steigerung der Energiepreise zu beobachten. Dies liegt zum Teil daran, dass der Energiebedarf weltweit zugenommen hat, sodass die Energieträger immer knapper werden. Insbesondere aufstrebende Volkswirtschaften wie China und Indien zeigen in diesem Bereich einen kaum zu sättigenden Appetit – Tendenz steigend. Der Druck ist also da und dem kann sich die Wirtschaft schlecht entziehen. Grün werden, heißt partout die Devise. Von Nachhaltigkeit ist nur noch die Rede und von einem schonenden Umgang mit stets knapper werdenden Ressourcen. Doch steht dies nicht im Widerspruch zu ungebremstem Wachstum, hohen Gewinnen und der Jagd nach immer mehr Marktanteilen?

BÜROKRATISCHER AUFWAND

„Wachstum bedeutet in der Regel mehr Konsum, und dieser verschlingt Ressourcen, mindestens bei der Produktion, oft aber auch noch – wie beim Autofahren – zusätzlich bei der Nutzung des Konsumguts“, schrieb bereits vor einiger Zeit die Süddeutsche Zeitung. „Bei radikalen Wachstumskriterien können Konzerne deshalb auch mit grünen Strategien nur durchfallen.“ Ohne Wachstum aber kein Wohlstand. Und nur erfolgreiche Unternehmen, die Gewinne verzeichnen, sind auch in der Lage, Arbeitsplätze zu sichern, von denen Familien leben. Und da findet sich der Weg aus der Zwickmühle. „Es gilt, das Streben nach Marktanteilen zu nutzen“, lautet der Ratschlag der Süddeutschen Zeitung. „Unternehmen wirtschaften am konsequentesten umweltverträglich, wenn es für sie einträglich ist. Und dies erreichen sie am ehesten, wenn sie sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.“ Das mit den Wettbewerbsvorteilen hatten manche sehr früh geahnt – teils um sich gesetzlichen Auflagen zu entziehen, teils um von dem, was sie für einen Trend hielten, zu profitieren, fingen sie an, Nachhaltigkeitsberichte zu veröffentlichen, die einerseits interne Abläufe so effizient wie möglich darstellen, andererseits die Marktposition bei Umweltthemen gegenüber Wettbewerbern, Gesetzgebern und Kunden dokumentieren sollten. Diese Berichte sollten als vertrauensbildende Maßnahmen dienen, vorausgesetzt, sie beinhalteten richtige Angaben. Mit den derzeit zur Verfügung stehenden Instrumenten des Nachhaltigkeitsreportings wird laut eines von dem Meinungsmedium „Der Freitag“ vor einiger Zeit veröffentlichten Blog-Beitrags eines Freitag-Community-Mitglieds die Nachhaltigkeitsleistung im Unternehmensvergleich jedoch nicht sichtbar. „Damit bleiben die Berichte für die Versuchungen des Greenwashing anfällig – auch magere Leistungen fallen im Datenmaterial nicht auf“, schrieb der Autor Gerd Hofielen. „Weitere Anregungen für inhaltliche Tiefe enthält die ISO Norm 26000 – jedoch sind die Berichte, die mit den bisher genannten Systematiken erstellt werden, nicht zertifizierbar.“ Damit fehle ein wichtiger vertrauensbildender Schritt. Das Environmental Management System (EMAS) sei ein anerkanntes Umweltmanagement-System, das zu beständigen Verbesserungen im Umweltbereich anleitet – die Daten werden durch Audits zertifiziert. EMAS erfordere allerdings einen hohen bürokratischen Aufwand des Dokumentierens.

NICHTS ALS AKTIONISMUS

Auch wenn sich viele Betriebe somit zu einer umweltfreundlichen Haltung irgendwie durchringen, von einer klar definierten Umweltschutzpolitik sind sie oft noch weit entfernt und in der Praxis hat sich trotz eifrigen Aktionismus in Sachen Nachhaltigkeitsberichten nicht viel geändert – insbesondere in den Großunternehmen. Eine im Jahr 2010 erschienene Studie des UN-Umweltprogramms UNEP fand heraus, dass allein die 3.000 größten Unternehmen der Welt Umweltschäden von 1,7 Billionen Euro verursachen.
„Tierarten, selbst ganze Ökosysteme verschwinden in einem nie dagewesenen Tempo. Doch führende Unternehmen verweigern sich konsequent dem Umweltschutz“, kommentierten damals das Handelsblatt und andere Medien die gewonnenen Ergebnisse. Von 1.100 internationalen Top-Managern habe damals nur jeder vierte befürchtet, Artensterben und der Verlust ganzer Ökosysteme könnten das eigene Geschäft beeinträchtigen. Und wer glaubt, es habe sich seitdem etwas geändert, der irrt. In vielen Konzernen herrscht heute immer noch die Meinung, natürliche Ressourcen seien unerschöpflich. Und was ist mit dem Mittelstand? „Viele mittelständische Unternehmen beschreiten bereits einen Pfad nachhaltiger Entwicklung, ohne dies zu thematisieren“, antwortet
Helmut Weber aus der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in seinem Vorwort zu der Expertise „Nachhaltigkeit – ein Erfolgsfaktor für mittel ständische Unternehmen. Anforderungen an Politik, Gewerkschaften und Unternehmen“. Es sei so, dass gerade Familienunternehmen in ökonomischer Hinsicht häufig schon deshalb nachhaltiger als managementgeführte Großunternehmen agieren, weil die Ressourcenplanung von Mittelständlern in vielen Fällen die Perspektive der nachfolgenden Generation mit im Blick hat.

LANGFRISTIGE PLANUNG

„In familiengeführten Unternehmen kommt ökologischer sowie auch sozialer Verantwortung eine zentrale Bedeutung zu. Denn in solchen Betrieben denkt man in Generationen anstatt in Quartalen und legt daher viel Wert auf eine langfristige Planung“, bestätigt Thomas Köhl, Geschäftsführer der KÖHL GmbH. „So liegen uns Gesundheit, Umweltschutz und Nachhaltigkeit am Herzen und werden bei jeder Unternehmensentscheidung berücksichtigt.” In der Tat haben Energieeinsparungen und die Vermeidung von umweltbelastenden Verfahren bei Entwicklungsprozessen und Investitionsentscheidungen bei KÖHL hohe Priorität. In der Produktion verwenden die Rödermarker ausschließlich schadstoffgeprüfte und umweltgerechte Materialien, die sich später wieder sortenrein dem Recyclingprozess zuführen lassen. Diese Aktivitäten werden durch Zertifikate für ein konsequentes Qualitäts- und Umweltmanagement (ISO 9001 und 14001) dokumentiert. „Durch die ständige Modernisierung der Produktionsanlagen und Infrastruktur leistet KÖHL einen konsequenten Beitrag zum Umweltschutz“, berichtet Köhl. „Dies dokumentiert unter anderem die 3.700 Quadratmeter große Photovoltaikanlage zur umweltgerechten Stromgewinnung, die jährlich rund 182.000 Kilowattstunden Solarstrom produziert und dadurch 125 Tonnen CO2-Ausstoß gegenüber konventionellen Kraftwerken einspart.“ Nicht zuletzt auch setzt das Unternehmen vorrangig auf Kooperationen mit lokalen Zulieferpartnern und eine Logistik mit kurzen Transportwegen, was die Energiebilanz verbessert und aufwendige Verpackung vermeidet.

Koehl


„Durch die ständige Modernisierung der Produktionsanlagen und Infrastruktur leistet KÖHL einen konsequenten Beitrag zum Umweltschutz. Dies dokumentiert unter anderem die 3.700 Quadratmeter große Photovoltaikanlage zur umweltgerechten Stromgewinnung, die jährlich rund 182.000 Kilowattstunden Solarstrom herstellt und dadurch 125 Tonnen CO2-Ausstoß gegenüber konventionellen Kraftwerken einspart.“

THOMAS KÖHL, Geschäftsführer der KÖHL GmbH

 

 

 

 

 

 

WOHLSTAND FÜR ALLE?

Eine solche Bindung zum Standort schafft Perspektiven. „Mittelständische Unternehmen sollten weiterhin berücksichtigen, dass ihr Erfolg von der Leistungsfähigkeit der Region abhängt“, geben die Verfasser der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu bedenken. Da die Eigentümer mittelständischer Unternehmen in der Region keine Standortverlagerung beabsichtigen, seien sie auf die regionale Infrastruktur, aber auch auf funktionierende gesellschaftliche Strukturen in hohem Maße angewiesen. Durch eine entsprechende Förderung unter anderem von kulturellen oder sportlichen Aktivitäten seien sie in der Lage, sich positiv zu präsentieren, ihren Rückhalt in der Region zu stärken, was sich schließlich auch auf die Nachfrage nach ihren Produkten auswirke. Im Allgemeinen kann man sagen, dass sich der Mittelstand für nachhaltige Entwicklung viel mehr engagiert, als es den Anschein hat – wenn auch nicht ganz einheitlich, wie die Studienautoren betonen. Ein wichtiges Hemmnis für die Umsetzung sehen sie in den knappen personellen, aber auch finanziellen Ressourcen mittlerer Betriebe. Die Verunsicherung begründe sich aber auch daraus, dass viele von ihnen die Auswirkungen nicht erkennen können, die die Einführung eines Nachhaltigkeitsmanagements mitbringt. Insofern bedürfe es noch einer umfangreichen Beratung und Förderung. Doch müssten diese so ausgerichtet sein, dass sie von den mittelständischen Unternehmen auch angenommen werden. Und es lohnt sich auf jeden Fall, in solche Unterstützungmaßnahmen Zeit und Geld zu investieren. Denn: „Nachhaltigkeit bedeutet Wohlstand für alle“, wie die Verfasser des von der Bertelsmann Stiftung als Orientierungshilfe für mittelständische Unternehmen 2014 herausgegebenen „Leitfadens zum Deutschen Nachhaltigkeitskodex“ behaupten. Allerdings sollte diese Prosperität weder auf Kosten anderer Länder, anderer Menschen und künftiger Generationen noch zulasten der natürlichen Umwelt zustande kommen – also heute nicht auf Kosten von morgen, hier nicht auf Kosten von anderswo. Nachhaltig wirtschaften heiße demnach, in die Zukunft zu blicken und dabei soziale, ökologische und ökonomische Ziele auszutarieren.

Graziella Mimic

 

Buch
 

LITERATURTIPP

Frank Hennig
Dunkelflaute
oder warum Energie sich nicht wenden lässt
FinanzBuch Verlag
Edition Tichys Einblick
272 Seiten, Hardcover
Erschienen: Juni 2017
ISBN: 978-3-95972-062-5
EUR 16,99

  

 

 

 

 
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