Aktuelle Ausgabe

FACTS-Titel Neue Arbeitswelten 2-3/2016

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Neue unbegrenzte Freiheit – denkste!

Arbeiten, wo man will, wann man will: die normalste Sache der Welt? Von wegen! Die von Wirtschaft und Medien oft beschriebene neue Flexibilität – man spricht inzwischen von Agilität – ist in vielen Unternehmen immer noch Zukunftsmusik. Und doch macht ein unaufhaltsamer Wandel von Gesellschaft und Beschäftigungsstrukturen ein neues Arbeitsverständnis notwendig. Leichter gesagt als getan: Es gilt, neben technischen und „baulichen“ vor allem auch mentalitätsbedingte Hindernisse zu überwinden.

Studien belegen es immer wieder: Mobiles Arbeiten schafft sowohl Effizienz- als auch Kostenvorteile. Zu diesem Ergebnis kommt auch die im Auftrag von Microsoft Deutschland von dem Marktforschungs- und Beratungsunternehmen techconsult durchgeführte Studie „Enterprise Mobility 2015“. Im Rahmen der Untersuchung gaben 61 Prozent der befragten HR-Fachbereichsverantwortlichen an, Enterprise Mobility würde die Effizienz der Arbeitsabläufe erhöhen. Neben einer verbesserten Erreichbarkeit wurden Kostenminimierung, schnellere Entscheidungs- und Abstimmungsprozesse sowie ein vereinfachter Informationsaustausch als weitere Vorteile genannt. Rund 67 Prozent der HR-Mitarbeiter sehen Mobility sogar als wesentlichen Faktor dafür an, Aufgaben und Projekte schneller abzuschließen, sofern mobiles Arbeiten durch ihr Unternehmen ermöglicht wird.

HOHER NACHHOLBEDARF

Nicht zuletzt die Attraktivität eines Unternehmens lasse sich durch die Möglichkeit verbessern, tägliche Arbeitsprozesse ortsunabhängig und effizient zu bewältigen. Schließlich sehe die Mehrheit der HR-Mitarbeiter – 66 Prozent – flexibles Arbeiten als nachhaltigen Vorteil an und sei der Überzeugung, dass die Mitarbeiter in ihren Unternehmen zufriedener wären, wenn sie mobiler arbeiten könnten. Produktivere und zufriedenere Mitarbeiter also. Die wünscht sich jedes Unternehmen. Dennoch tut sich ein großer Teil der Betriebe immer noch schwer damit, den Beschäftigten das Arbeiten jenseits der Firmengelände zu gestatten. Warum?

DESKTOP-MARKT IN NOT

Die ersten Hindernisse, die sich Firmen in den Weg stellen, sind die Einführung einer entsprechenden IT-Infrastruktur und die Schaffung einer unternehmensweiten Mobilitätsstrategie. Denn: Die Mobilmachung der IT – in diesem Zusammenhang ist häufig die Rede vom mobilen und vernetzten Unternehmen – ist in vollem Gange, und Smartphones und Tablets befinden sich auf einem Siegeszug gegen den Desktop. Die PC-Hersteller haben mit schrumpfenden Verkaufszahlen zu kämpfen. Laut den Analysen des Marktforschungsinstituts IDC gingen die Verkaufszahlen im vierten Quartal 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 10,6 Prozent zurück. Großer Verlierer dabei ist HP mit einem Rückgang von 8,1 Prozent. Auch bei den Konkurrenten Lenovo, Dell und Asus sieht es nicht viel besser aus. Einzig Apple konnte im vergangenen Jahr ein kleines Wachstum von 2,8 Prozent verzeichnen. Selbst wenn der PC-Verkauf demnächst durch den Umstieg vieler Anwender auf das neue Betriebssystem Windows 10 kurzfristig belebt werden sollte, wird der Desktop-Rechner klassischer Prägung in Zukunft wohl nur noch in Nischen existieren.

KOMPLEXE AUFGABE

Die mit dem Sterben des Desktop-PCs einhergehende Mobilisierung wichtiger Unternehmensdaten und -prozesse erfordert hohe Standards in puncto Sicherheit und Administrierbarkeit – und zwar ohne dabei massiv in die Flexibilität der Mitarbeiter einzugreifen. Das heißt: Wollen die Unternehmen vom Nutzen der sogenannten „Enterprise Mobility“ profitieren, müssen alle technischen, organisatorischen und rechtlichen Aspekte dieses Themas geklärt sein – eine überaus komplexe Aufgabenstellung für die meisten IT-Abteilungen. Denn größtmögliche Flexibilität für die User ist ein ganz zentraler Punkt einer konstruktiven Enterprise-Mobility-Strategie. Und diese Flexibilität stößt genau dort an Grenzen, wo es um die Sicherheit geht.
Eine technische Herausforderung vor diesem Hintergrund ist die Tatsache, dass neben der Vielzahl der eingesetzten mobilen Geräte auch mehrere verschiedene Betriebssysteme mit großem Aufwand verwaltet werden müssen – man denke neben Android und iOS auch an die Hardware von Windows und Blackberry. Und gilt in einem Unternehmen die Devise „Bring your own Device“, die es den Nutzern erlaubt, ihre Taschencomputer sowohl für private als auch für dienstliche Zwecke einzusetzen, wundert es nicht, dass der Arbeitsaufwand für die IT-Service-Desks etwa infolge von Fehlern und Störungen zunimmt – und zwar um beträchtliche 17 Prozent. Zu dieser Einschätzung kommt eine aktuelle, ebenfalls von IDC herausgegebene Studie, die Unternehmen zu den Folgen des Einsatzes mobiler Endgeräte und Apps und zu den Auswirkungen auf den internen IT-Support befragt hat. Ergebnis: In fast 50 Prozent aller an der Untersuchung teilnehmenden Unternehmen verursachen Smartphones, Tablets und mobile Apps einen Anstieg der sogenannten Service-Desk-Incidents.
Besonders problematisch wird es, wenn diese entstehenden Kosten beim Kauf der stets neuesten Smartphone- und Tablet-Modelle nicht mit ins Kalkül gezogen werden. Richtig gefährlich ist es dann, wenn die User den firmeneigenen IT-Support umgehen und sich selbst behelfen wollen – die vermeintliche Benutzerfreundlichkeit von iPhone und Co. gepaart mit der Affinität vieler Mitarbeiter verleitet ja geradezu dazu. In diesem Fall kann ein regelrechtes Schatten-Service-Management entstehen – mit äußerst unerfreulichen Begleiterscheinungen wie etwa dem massenhaften Einschleusen von Malware in die Unternehmens-IT. Erschwerend kommt hinzu: Bei zahlreichen mobilen Anwendungen steht die Usability im Vordergrund, allzu häufig wird der Sicherheitsgedanke vernachlässigt. Und: So technisch ausgereift Betriebssysteme und IT-Sicherheitslösungen auch sein mögen – hundertprozentig fehlerlos sind sie nie. Denn immer gibt es eine Abhängigkeit davon, wie schnell das Patching der einzelnen Anbieter nach Bekanntwerden einer Sicherheitslücke reagieren kann. Und schließlich tut der Faktor Mensch sein Übriges dazu: Dieser hat zur Folge, dass scheinbar unzureichend sensibilisierte Mitarbeiter häufig immer noch viel zu unbesorgt handeln und Sicherheitsbedrohungen damit Tür und Tor öffnen.

UND DIE KLEINEN?

Was also tun? Einen Vorschlag unterbreitete Henning Dransfeld, Manager Advisor & Program Manager Mobile Enterprise, bei den Marktforschern der Experton Group. Bei einem von dem IT-Fachmagazin is report moderierten Round Table zum Thema Enterprise Mobility empfahl er Unternehmen, einen sogenannten CMO (Chief Mobility Officer) zu benennen, der die Strategie und Umsetzung der Mobilisierung in einen Unternehmen verantworten soll. Ob sich dieser Vorschlag gerade in kleinen und mittleren Betrieben – allein schon der Kosten und knappen Ressourcen wegen – tatsächlich umsetzen lässt, daran kann man berechtigt zweifeln.

MENTALITÄTSSACHE

Wie dem auch sei: Wer jedoch denkt, das Schaffen einer adäquaten IT-Umgebung und der damit verbundene Aufwand seien die einzigen Herausforderungen, die Unternehmen auf dem Weg zu mehr Flexibilität und Mobilität zu meistern hätten, und es heiße letztendlich „IT gut, alles gut“, der irrt nicht wenig. Weitere Erschwernisse in anderen Bereichen kommen hinzu wie etwa und nicht zuletzt Mentalität und Firmenkultur. Gerade im Mittelstand sind viele Betriebe dem Home-Office abgeneigt oder sträuben sich sogar geradezu dagegen. Dort herrscht laut jüngsten Untersuchungen immer noch Anwesenheitskultur. „Nur knapp ein Drittel der Betriebe in Deutschland bieten Beschäftigten die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten. Bei Betrieben mit über 500 Beschäftigten ist es die Hälfte“, zitiert das Online-Portal haufe.de/personal eine vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) durchgeführte repräsentative Befragung von 771 Personalverantwortlichen und 7.000 Beschäftigten. „In den meisten Unternehmen, die Home-Office anbieten, ist dies keine Arbeitsform für den Alltag und nur unregelmäßig möglich. Nur bei 16 Prozent der Betriebe ist Home-Office vertraglich festgelegt.“ In den meisten Fällen werde die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, nur in Ausnahmefällen gewährt. Insgesamt sei festzustellen, dass Betriebe, die flexible Arbeitszeiten und Personalentwicklungsmaßnahmen zur Beschäftigungsbindung nutzen, auch mehr Home-Office ermöglichen. Faktisch jedoch habe die Arbeit von zu Hause seit 2013 nicht zugenommen.

ANGST VOR KONTROLLVERLUST

Als großes Hemmnis für die Erledigung beruflicher Aufgaben in den eigenen vier Wänden erweist sich neben technischen Unzulänglichkeiten auch die Tatsache, dass die Anwesenheit der Mitarbeiter im Firmenbüro von ihren Vorgesetzten nach wie vor erwünscht wird. „Die meisten Mitarbeiter wünschen sich flexiblere Arbeitszeit- und Karrieremodelle. Nur die wenigsten erleben sie allerdings auch in der Praxis, weil Unternehmen und Führungskräfte Angst vor Kontrollverlust haben“, stellte die Wirtschaftswoche bereits vor einiger Zeit fest. Darüber hinaus ist das Führen von Mitarbeitern, die nur virtuell präsent sind, nicht jedermanns Sache. „Wo lose, flexiblere und kurzfristigere Bindungen die einst so festen Arbeitsverhältnisse ersetzen, springen Manager mit Kommandoton, Hierarchie- und Abteilungsdenken zu kurz“, schildert die Wiwo. Stattdessen gelte es, Selbstständigkeit zuzulassen, sich klar auf eine Ergebniskultur zu fixieren, Beziehungen zu managen und jenseits von Linienfunktionen oder Bereichszugehörigkeiten durch Einflussnahme zu führen und genau zu verstehen, wer was mit welchem Talent, welcher Fachspezialisierung und welchem Zeitbudget zu leisten in der Lage ist.
Klar also, dass die Ablösung unbeugsamer Hierarchien zugunsten von selbstverantwortlichen Teams den „Egomännern“ im schwarzen Sessel größtes Unbehagen bereitet. Und auch diejenigen Unternehmen, die sich für die Einführung flexibler Arbeitszeiten entscheiden, tun dies oft nur halbherzig. „Fatalerweise sehen Arbeitgeber in der Zubilligung dieser Arbeitsform oft eher noch ein ‚Entgegenkommen‘“, behauptet Michael Wieden in seinem 2012 erschienenen Buch „Liquid Work“ und stützt sich auf den Fehlzeitenreport der AOK aus dem gleichen Jahr, um zu zeigen, dass Halbherzigkeit in Verbindung mit der falschen Denkweise eine an sich sehr wichtige Entwicklung in eine falsche Richtung drängt. Auch er stellt seitens der Arbeitgeber charakteristische Fehler wie die Vorgabe der ständigen Erreichbarkeit oder auch Kontrollmaßnahmen fest. Letztere sollen prüfen, ob während der Abwesenheit auch tatsächlich gearbeitet wird, und sind mit Zeitvorgaben verbunden – was Wieden das Beibehalten einer stechuhrbasierten Arbeitsform nennt.

DER PREIS DER FREIHEIT

Die fehlende Anpassung der internen Organisation – flexible Arbeiter müssen sich an die alten Gegebenheiten anpassen – sowie die Tatsache, dass Zeiten der Flexibilisierung eingeschränkt werden, wie beispielsweise auf zweimal die Woche, haben negative Folgen: Mitarbeiter müssen ständig zwischen Freiheit und Einschränkung switchen, ohne dies selbst beeinflussen zu können.
Insbesondere die fehlende strukturelle und mentale Unterstützung der flexiblen Mitarbeiter durch ihre Unternehmen bei der Bewältigung der neuen Situation sieht Wieden als ein Kernproblem. „Es reicht bei Weitem nicht aus, den Mitarbeitern vorgeblich neue Freiheiten zu gewähren, sie aber dann bei der Umsetzung, sprich dem Aufbau einer eigenen Organisationsstruktur, sich selbst zu überlassen“, warnt er. „Sich selbst strukturieren zu können und Prioritäten zu setzen, ist aber ein absolutes Muss, um in der neuen flexiblen Welt effektiv und gesund leben zu können.“ Doch arbeiten mobile Mitarbeiter in der Regel länger als andere, kommentiert er die Erkenntnisse des AOK-Reports.  Dieses „Mehr“ an Arbeitszeit liege in der Regel eben exakt an dieser Übernahme alter Strukturen und Rhythmen: Anstatt sich die Freiheit zu geben, auch erst um 9.00 oder 10.00 Uhr mit der Arbeit zu beginnen, von 15.00 bis 16.00 Uhr zu joggen und die Pausen dann zu nehmen, wenn man spürt, dass man nicht mehr effizient arbeiten kann, werden an die alte Struktur noch ein bis zwei Stunden Arbeitszeit drangehängt. Somit entstehe letztendlich keine „Win-win-Situation“, da die althergebrachten Strukturen lediglich aus dem residenten Büro mitgenommen werden.

MEHRARBEIT OHNE AUSGLEICH

Auch die Untersuchung des BMAS fand heraus, dass mobile Mitarbeiter definitiv auf höhere Arbeitszeiten kommen. „Bei der Befragung wurde in zwei Gruppen unterschieden. Zum einen die Gruppe der Beschäftigten, die vertraglich geregelt von zu Hause oder außerhalb des Büros arbeiten, also während ihrer regulären Arbeitszeit. Zum anderen die Gruppe von Beschäftigten, die angaben, regelmäßig nach Feierabend oder am Wochenende, also in ihrer Freizeit von zu Hause zu arbeiten“, beschreibt haufe.de/personal. „Für beide Gruppen wurde festgestellt, dass sie mehr arbeiten und mehr Überstunden machen als Angestellte, die nie von zu Hause arbeiten. Etwa drei Viertel der Gruppe, die in ihrer Freizeit zu Hause arbeiten, bekommen diese Arbeit weder durch einen Zeitausgleich noch finanziell kompensiert.“ Nicht geklärt worden sei im Rahmen der Studie jedoch, ob der Grund für die zusätzliche Heimarbeit in einem besonderen Engagement liegt oder ob das Arbeits-pensum in der regulären Arbeitszeit nicht zu schaffen ist.

HILFE ZUR SELBSTHILFE

Daher ist laut Michael Wieden eine professionelle Begleitung des Unternehmens sehr zu empfehlen, um den Übergang zu erleichtern. „Tutoren- oder Patensysteme wären sicher ein geeignetes Mittel, sofern diese nicht zum einen schon falsche Abläufe selbst leben und zum anderen nicht versuchen, eigene, für sie selbst sehr gut passende Strukturen auf andere zu übertragen“, befürwortet er. „Ziel eines solchen Systems muss sein, dem neuen ,flexiblen Mitarbeiter‘ Mittel und Wege aufzuzeigen, zu seiner ureigenen Struktur zu kommen. Also Hilfe zur Selbsthilfe, statt des Überstülpens irgendeiner pauschalen Methodik!“
Man sieht es: Die Einführung einer zweckdienlichen Unternehmenskultur sowie geeigneter Arbeitsbedingungen für externe Mitarbeiter ist oberstes Gebot. Ist erst einmal dafür gesorgt, muss auch über die passende Ausstattung für sie nachgedacht werden. Dabei gilt es, ihnen nicht nur leistungsfähige Technologien zur Verfügung zu stellen. Auch die Büromöbel sollten für sporadisch Anwesende funktionell und ergonomisch sein, wie für die restlichen Kollegen auch.  
Leider wird in diesem Bereich viel zu oft die Sparschraube angezogen – insbesondere im Home-Office. Ergonomie wird selten bedacht, eine Tatsache, die der Verband Büro-, Sitz- und Objektmöbel e.V. (BSO) bemängelt. Die Einrichtung von Home-Office-Arbeitsplätzen müsse nach denselben ergonomischen und sicherheitstechnischen Kriterien erfolgen wie die der Arbeitsplätze im Unternehmen – dies auch wenn nur an einzelnen Tagen im Home-Office gearbeitet wird. Schließlich genüge es nicht, lediglich das „gute Aussehen“ des Heimbüros zu berücksichtigen.
Was dennoch nicht heißen soll, dass die Optik gar keine Rolle spielt. Wer zu Hause einen Arbeitsplatz einrichtet und dafür über keinen speziellen Raum verfügt, tut gut daran, das Arbeitsmobiliar so auszusuchen, dass es zur gesamten Ausstattung der Wohnung passt. Nicht zu vergessen dabei: Nicht alles, was gut aussieht, ist auch gesundheitsverträglich. Vieles ist nicht einmal funktional. Somit erweist es sich als besonders wichtig, bereits bei der Planung des Home-Office einige grundlegende Aspekte zu beherzigen, wie etwa Bildschirme ohne störende Reflexionen, ausreichende Beleuchtung oder Möbel, die viel Stauraum bieten. Last, not least darf die Möglichkeit, sich ausreichend zu bewegen, nicht zu kurz kommen.

FAIR ODER UNFAIR?

Der Grund für die spartanischen Umstände im Heimbüro liegt vielfach in der Tatsache, dass die Ausstattung im Home-Office meist Privatsache bleibt. Dies schließt das Online-Portal haufe.de/personal aus einer vom Marktforschungsinstitut Forsa im Auftrag des BSO durchgeführten Umfrage. Diese besagt, dass in nur 5 Prozent der Fälle das jeweilige Unternehmen den Home-Office-Arbeitern einen Schreibtisch oder einen Bürostuhl bereitstellt. „Weitere 4 Prozent können immerhin über ein Budget verfügen, um sich selbst entsprechend auszustatten.“ Dass ein Arbeitgeber den Rückzug ins Home-Office erlaubt, bedeutet laut BSO-Vorsitzendem Hendrik Hund nicht, dass er diesen auch aktiv unterstützt. So könne sich unter den im Rahmen einer schriftlichen Vereinbarung von zu Hause Arbeitenden nur jeder Fünfte über Unterstützung durch den Arbeitgeber freuen. Eine solche Vereinbarung ist im Übrigen absolut zu empfehlen. Eine Muster-Betriebsvereinbarung zur Mobilarbeit stellt haufe.de auf der Website zur Verfügung.
Wie auch immer, eins belegen Studien und Befragungen immer wieder: Sei es nur an einzelnen Tagen oder etwas regelmäßiger, Wissensarbeiter wünschen sich zunehmend, von zu Hause aus arbeiten zu dürfen. Sicher ist auch: Diesen Wunsch sollten Unternehmen, die sich aus ihrer Zukunft und ihren Chancen im Wettbewerb etwas machen, unbedingt ernst nehmen. Denn – dies ergab ebenfalls die BMAS-Umfrage – Beschäftigte, die während der regulären Arbeitszeiten im Home-Office arbeiten dürfen, fühlen sich mit ihrem Betrieb enger verbunden und empfinden ihre Vorgesetzten als fairer als diejenigen, denen es nicht gestattet ist. Und Hand aufs Herz: Was geht über begeisterte, hundertprozentig engagierte und zufriedene Mitarbeiter?

 

foto5FREIHEITSGEWINN ODER TRIVIALE KOSTENSENKUNG?

Keine Frage: Moderne und flexible Arbeits- und Bürokonzepte schaffen die besten Voraussetzungen, um Produktivität und Innovationskraft der eigenen Mitarbeiter zu stärken und zu steigern – wer mehr Freiheit genießt und sich wohlfühlt, arbeitet einfach besser. Auch sind Firmen, die solche Modelle anbieten, attraktiver für Bewerber und somit gut aufgestellt für die Zukunft.
Vielfach scheint es aber so, dass Unternehmen die Versprechungen einer neuen, flexibleren Arbeitsumgebung und einer agileren Organisation lediglich als Vorwand nutzen, um infolge groß angelegter Restrukturierungen Kosten zu senken – Kosten für Mitarbeiter, Büroflächen, Arbeitsausstattung. Zwar führt diese reine Cost-Cutting-Perspektive ohne Berücksichtigung der Arbeits- und Prozessanforderungen zu einer kurzfristigen Reduzierung der Ausgaben, langfristig aber, so warnt beispielsweise das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, werde sich das negativ auf die Prozessperformance und Produktivität der Mitarbeiter auswirken. Vielmehr gelte es, mit intelligenten und organisationsindividuellen Lösungen die richtige Balance zu wahren.
Das rät auch die SZ-Redakteurin Alexandra Borchardt in einem Kommentar zur neuen Firmenzentrale von Microsoft Deutschland in München-Schwabing, die im Sommer dieses Jahres bezugsfertig sein und den Abschied vom klassischen Arbeitsplatz besiegeln soll. „Wer keinen festen Platz im Büro hat, wird dort nicht vermisst. Er wird austauschbar, zu einem Modul wie der Rollcontainer.“ Und warnte berechtigterweise: „Wer gute Mitarbeiter halten möchte, muss dafür sorgen, dass dieses Gefühl nicht entsteht.“
Ein mulmiges Gefühl darf man durchaus haben, wenn ein Unternehmen mit Sack und Pack umzieht, seine Mitarbeiter mit Notebook samt Internettelefonie ausstattet, ihnen flexible, zeitgemäße Arbeitsmodelle schmackhaft machen will und seinen 230 Beschäftigten insgesamt 150 Schreibtische zur Verfügung stellt – so geschehen bei Xerox Deutschland in Neuss im März 2014 (FACTS berichtete in der Ausgabe 10/2014).
Ob die Betroffenen die ganze Aktion wirklich als einen Freiheitsgewinn empfunden haben oder eher als eine bedenkliche Entwicklung? Die Frage ist allemal berechtigt.

 

foto5GLOBAL BRUTAL? AUF DER STRECKE GEBLIEBEN!

Zu den verschiedenen Ursachen des derzeitigen Wandels in der Arbeitswelt zählt nicht zuletzt die Globalisierung. Vor dem Hintergrund der Verlagerung der weltweiten wirtschaftlichen Schwerpunkte von West nach Ost schreitet sie unaufhaltsam voran. Dabei gibt es nicht nur Gewinner – wer Pech hat, steht am Ende dumm da. Ein Beispiel: die Mitarbeiter der Steelcase Werndl AG in Durlangen.

Zunehmend wird der Arbeitsmarkt international. „Die Last der Anpassung liegt momentan auf den Arbeitnehmern in den Industrieländern“, legte die Süddeutsche Zeitung bereits vor einiger Zeit dar. Eine knappe Milliarde Arbeiter sei seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems neu auf den Weltmarkt gekommen und habe begonnen, mit denen des Westens zu konkurrieren. Was Deutschland angeht, stehen bereits mehr als 20 Prozent sämtlicher Güter und Dienstleistungen – und damit zugleich die damit verbundenen Arbeitsplätze – im globalen Wettbewerb. 2030 sollen es rund
80 Prozent sein.
Ein Lied davon können die Mitarbeiter der Steelcase Werndl AG in Durlangen auf jeden Fall singen. Ende Dezember 2015 wurde das Werk nach mehreren Entlassungswellen endgültig dichtgemacht. Und jetzt? „Die Produktions- und Büroräume der Steelcase Werndl AG in Durlangen sind menschenleer, Maschinen und Einrichtungen wurden demontiert und nach Tschechien verlagert“, gibt die Zeitung „Wirtschaft Regional“ die Antwort. „150 der vor zwei Jahren 300 Beschäftigten sind nun arbeitslos.“
Das endgültige Aus war dabei nicht kurzfristig angekündigt worden. Schon seit zwei Jahren befanden sich die Werke in Durlangen im „Abbau-Modus“, wie das „Hohenloher Tagblatt“ im vergangenen Oktober schrieb. Bereits Ende 2013 hatte die Konzernleitung des Büromöbelherstellers aus der Zentrale in Grand Rapids in Michigan/USA kundgetan, dass Steelcase aufgrund von Verlusten im Europa-Geschäft den Produktionsstandort Durlangen schließen und die Fertigung in ein neues Werk in Tschechien in der Nähe von Pilsen umsiedeln werde. Die Tatsache, dass sie darüber Bescheid wussten, hat den Mitarbeitern des weltweiten Konzerns jedoch nicht helfen können. Immer noch 150 von ihnen gucken in die Röhre.

Graziella Mimic / Daniel Müller

 

 

LITERATURTIPP:

Foto6
Sebastian Kühn
Das Handbuch für digitale Nomaden
Selbstbestimmt leben – ortsunabhängig arbeiten
320 Seiten, Hardcover
19,99 Euro (D); 20,60 Euro (A)
ISBN 978-3-86881-624-2

Arbeiten, wann und wo man will. Wer das möchte, muss sich zunächst einige Fragen stellen: Welche bürokratischen sowie praktischen Hürden gilt es zu überwinden? Was soll man etwa bei Versicherungen oder Steuern unbedingt beachten? Und überhaupt: Wie sieht der Alltag mit Blick auf Organisation und Erreichbarkeit aus?
Diese Fragen beantwortet Sebastian Kühn in seinem „Handbuch für digitale Nomaden“ – den Schritt in die ortsunabhängige Selbstständigkeit hat er selbst erfolgreich vollzogen. Er bietet ein praxisbezogenes Nachschlagewerk, um den Traum vom selbstbestimmten Arbeiten mit einem durchdachten Plan im Hintergrund zu verwirklichen.

 

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