Aktuelle Ausgabe

FACTS-Titel Energie-Management 7-8/2016

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Da steckt Spannung drin!

Alle Experten sind sich einig: Die Energiekosten werden weiter steigen. Der Einsatz stringenter Effizienzmaßnahmen bildet den einzigen Ausweg aus der Misere. Doch die dafür erforderlichen Ausgaben erweisen sich für viele mittelständische Unternehmen als eine schwere Bürde – zumal diese selten in den Genuss der vielen Vergünstigungen und Ausnahmeregelungen kommen.

Investitionen in Einsparmaßnahmen gewinnen aufgrund der steigenden Energiepreise an Attraktivität. Diese Tendenz wird sich mit Sicherheit fortsetzen, da Energiewende, Ausstieg aus der Kernenergie und der vermehrte Einsatz regenerativer Energien eine weitere Zunahme der Kosten zur Folge haben werden.
„Energieeffizienz wird für den deutschen Mittelstand zu einer immer wichtigeren Angelegenheit. Die Mehrheit der Unternehmen hat das Thema hoch auf die Unternehmensagenda gesetzt und beschäftigt sich gezielt damit, die Energiekosten durch Energieeffizienzmaßnahmen zu verbessern“, sagt Peter Bartels, Vorstand und Leiter des Bereichs Familienunternehmen und Mittelstand bei der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) – Im Rahmen der  Studie „Energiewende im Mittelstand“ hat PwC im März 2015 branchenübergreifend 200 Führungskräfte mittelständischer Unternehmen mit einem Umsatz von 50 bis 500 Millionen Euro befragt.
Zu diesem Schluss kam auch eine bereits Ende 2013 durchgeführte Umfrage der KfW-Bankengruppe zur Energieeffizienz der kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) – das Mittelstandspanel findet seit dem Jahr 2003 als Wiederholungsbefragung kleiner und mittlerer Unternehmen in Deutschland statt. „Für knapp die Hälfte aller KMU hat das Thema Energiekosteneinsparung eine wachsende unternehmerische Bedeutung und motiviert zu Effizienzmaßnahmen“, erklären die Studienverfasser. Dies gelte besonders für größere KMU mit mehr als 50 Mitarbeitern – bei ihnen stufen immerhin rund 73 Prozent, also fast drei Viertel, das Thema als wichtig oder sehr wichtig ein.

VIEL LUFT NACH OBEN

Um ihre Energiekosten zu optimieren, wechseln Mittelständler meist den  Energieversorger oder lassen ihren Liefervertrag ändern. Darüber hinaus stellen sie auf erneuerbare Energien um oder setzen verstärkt auf sie. In erster Linie seien es größere Unternehmen, die in energieeffiziente Produktionsanlagen und Geräte investieren. Auch nehmen sie Energieberatungen fast viermal häufiger in Anspruch (41 Prozent) als kleine Unternehmen es tun (11 Prozent). Insgesamt leiste der Mittelstand laut KfW-Befragung schon seinen Beitrag zur Erreichung energie- und klimapolitischer Ziele. Dennoch bestehe noch „Luft nach oben“. So habe die Mehrheit der mittelständischen Unternehmen, immerhin rund zwei Millionen KMU, in den drei Jahren vor der Umfrage auf Maßnahmen verzichtet: „Es sind hier vor allem die kleinen Mittelständler, die bislang keine Energieeffizienzmaßnahmen umgesetzt haben: 91 Prozent der Nicht-Aktiven haben weniger als zehn Mitarbeiter.“ Hier liege auf jeden Fall noch ungenutztes Potenzial. Dieser Meinung ist auch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi): „Schon seit Jahren investieren Unternehmen in Maßnahmen und Prozesse, um ihre Energiebilanz zu verbessern. Der Grund ist klar – ein geringerer Energieverbrauch bedeutet niedrigere Kosten und somit höhere Wettbewerbsfähigkeit. Zugleich leisten die Unternehmen mit ihren Energieeinsparungen einen wichtigen Beitrag zur Energiewende und tragen dazu bei, die deutschen Klimaziele zu erreichen. Trotzdem schöpfen gerade kleine und mittlere Unternehmen ihr Potenzial für mehr Energieeffizienz nicht aus, obwohl sich das wirtschaftlich lohnen würde.“

THEMA NICHT ANGEKOMMEN

Also wirklich angekommen ist die Energiewende in den meisten Unternehmen noch nicht. Dabei zahlen sich Investitionen in Energieeffizienz für deutsche Mittelständler auf jeden Fall aus. Dies stellten die PwC-Experten während ihrer Untersuchung fest: „In mehr als jedem dritten Unternehmen ließen sich die Energiekosten durch Investitionen in Energieeffizienz um 20 Prozent und mehr reduzieren, wodurch die Gesamtkosten um 3,6 Prozent gesenkt werden konnten.“ Mehr als die Hälfte der Investitionen der befragten Mittelständler amortisiere sich nach weniger als zehn Jahren. Konkret betrage die durchschnittliche Amortisationsdauer einer Energieeffizienzinvestition sogar nur 8,5 Jahre. Für 89 Prozent der Befragten sei die Senkung der Energiekosten der Grund für die Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen, gefolgt von dem Wunsch nach Modernisierung und Wertsteigerung (47 Prozent) ihres Unternehmens. Nur jedes dritte Unternehmen sei lediglich bestrebt, gesetzliche Vorgaben zu erfüllen (33 Prozent).

VERSCHENKTE VORTEILE

Doch warum schöpfen mittelständische Betriebe ihr Potenzial in Sachen Energieeffizienz nicht aus und verschenken die Vorteile, die eine verbesserte Energiebilanz ihnen verschaffen würde? Antworten gibt eine Unternehmensumfrage der als Gemeinschaftsprojekt von Bundeswirtschaftsministerium, Bundesumweltministerium, Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) getragenen Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz, an der sich mehr als 1.000 Unternehmen aller Branchen beteiligt haben: „In den meisten Fällen setzen Unternehmen keine Effizienzmaßnahmen um, weil sie daran zweifeln, ob sich diese auch bezahlt machen. Besonders hohe Investitionskosten und lange Amortisationskosten wirken abschreckend.“ Hinzu komme, dass die Unternehmen oft nicht über genug Personal verfügen, um gezielt Einsparpotenziale zu ermitteln, die Maßnahmen zu planen und umzusetzen. Aus diesen Ergebnissen hat die Mittelstandsinitiative im Auftrag des BMWi Handlungsempfehlungen für Unternehmen, für Multiplikatoren wie Kammern, Verbände oder Energieberater und speziell für die öffentliche Hand, das heißt Bund, Länder und Kommunen, erarbeitet.

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KONKRTETE UNTERSTÜTZUNG:
Finanzielle Hilfe in Sachen Energieeffizienz
gibt es in Form von Fördermitteln.

 

 SCHLECHT INFORMIERT

„Da viele Unternehmen gerade bei Beratungs-, Finanzierungs- und Förderoptionen unzureichende Kenntnisse haben, sind sowohl Energieberater als auch die Unternehmen gefragt, diese Informationsdefizite abzubauen“, moniert zudem der BMWi. „Die verschiedenen Angebote und Programme für alle Phasen – von der ersten Beratung bis zur Umsetzung – sollten nahtlos ineinandergreifen; dafür sind bessere Absprachen zwischen der Vielzahl von Akteuren gefordert.“ Darüber hinaus solle die öffentliche Hand bei der Konzeption von Förder- und Finanzierungsprogrammen enger mit Finanzinstituten kooperieren. Nur so lasse sich verhindern, dass Unternehmen, auch wenn sie Energieberatungen in Anspruch nehmen, die empfohlenen Maßnahmen jedoch nicht umsetzen, weil ihnen Informationen zur Finanzierung fehlen oder die Auswahlmöglichkeiten zu unübersichtlich sind.
Denn konkrete Hilfe in Sachen Energieeffizienz gibt es in der Tat, was viele nicht wissen, in Form von Förderprogrammen. „Bereits mit der Erneuerung des Energie- und Stromsteuergesetzes, dem Spitzenausgleich und der Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG)-Ausgleichregelung setzt die Bundesregierung Anreize für Unternehmen, ein Energiemanagementsystem gemäß ISO 50001 einzuführen“, erläutert der TÜV Rheinland (siehe Infokasten auf Seite 52). „In einer Förderrichtlinie vom 18. März 2015 hat die Bundesregierung die Bedingungen für die Förderung der rationellen und sparsamen Energieverwendung festgelegt. Ziel der Förderrichtlinie ist es, weitere Unternehmen, die nicht von dem Spitzenausgleich profitieren, zur Einführung eines Energiemanagementsystems zu bewegen.“

LOHNT SICH DIE MÜHE?

Denn die für den Erfolg von Energieeffizienzmaßnahmen notwendige Systematik kann nur ein konsequentes Energiemanagement schaffen. Dies soll laut Mittelstandsinitiative mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen verstanden und ein Energiemanagementsystem bereits eingeführt haben oder führt es derzeit ein. Und ganze 65 Prozent verfügen über einen Energie- oder Umweltverantwortlichen. Letzteres ist nicht unbedeutend, denn die Untersuchung stellte fest, dass in Betrieben, in denen ein Mitarbeiter für das Thema Energie und Umwelt verantwortlich ist, Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz häufiger umgesetzt werden, als wenn es keinen gibt.
Es hat zunächst also den Anschein, als ob der Mittelstand in Sachen Energieeffizienz gar nicht so schlecht dastehen würde. Das Fazit der Verfasser des KfW-Mittelstandspanels 2013 fällt auf jeden Fall optimistisch aus: „Auch wenn weiterhin großer Nachholbedarf besteht, befinden sich mittelständische Unternehmen auf einem guten Weg zu mehr Energieeffizienz, Energiekostensenkung und Klimaschutz. Und dies stützt schließlich ihre Wettbewerbsfähigkeit.“ Doch ist es wirklich so? Lohnen die Mühe und der Aufwand? Der Beitrag zum Klimaschutz kommt dabei zweifellos zustande. Doch bringt die eingesparte Energie tatsächlich spürbare Kostenentlastung und Wettbewerbsvorteile?

ABSURDE LAGE

Das sieht der Mittelstandsverbund – ZGV e.V. etwas anders. „Es gibt viele staatliche Fördermaßnahmen, um energetische Optimierungen durchzuführen. Hierbei kann es aber zu erstaunlichen Ergebnissen kommen, wenn andere Vorteile wegfallen, weil nach Umsetzung der Energiesparmaßnahmen zu wenig Energie verbraucht wird“, berichtete er vor knapp zwei Jahren und beschrieb, wie sich in manchen Fällen dank energiesparender Maßnahmen der Verbrauch zwar reduzieren ließ, dafür aber die sogenannte Konzessionsabgabe, die Stromunternehmen für die Belieferung ihrer Kunden an die jeweiligen Städte und Gemeinden zahlen müssen, stieg – die Höhe dieser Abgabe hängt einerseits von der Größe der Stadt ab, andererseits von verschiedenen Staffelungen, durch die sich der Preis bestimmt. „Je weniger gebraucht wird, desto höher die Abgabe“, schildert der Mittelstandsverbund die absurde Situation. „Die Energiesparlampen rund um die Uhr brennen zu lassen, bis die günstigere Konzessionsabgabe erreicht ist, kann ja wohl nicht im Sinne der Energiewende und des Klimaschutzes sein?“

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FAIR TEILEN: Die Kosten für die Energiewende
sollten gerecht auf die gesamte Wirtschaft
verteilt werden.

 

Dass der Mittelstand gerne zur Kasse gebeten wird, ist gewiss nichts Neues. „Der in industrieeigenen Kraftwerken für den Eigenverbrauch produzierte Strom wird ebenfalls weitgehend von der Umlage zur Finanzierung der erneuerbaren Energien ausgenommen“, schrieb das Handelsblatt ebenfalls vor zwei Jahren. „Von Stromsteuer und Konzessionsabgaben sind die Branchen zudem fast vollständig befreit.“ Als weitere Vergünstigung werde den industriellen Großverbrauchern die Zahlung von Netzentgelten nahezu erlassen und die Beteiligung an der Finanzierung der Infrastruktur ist minimal. Insgesamt belaufen sich die monetären Vorteile auf mehrere Milliarden Euro.

Auch beim Emissionshandel müsse die Industrie stärker in die Pflicht genommen werden. „Die CO2-Zertifikate wurden hier der energieintensiven Industrie nicht nur kostenlos überlassen, nein, sie erhielt darüber hinaus deutlich mehr Zertifikate als benötigt“, legte die Düsseldorfer Zeitung dar. So seien Unternehmen wie etwa Thyssen-Krupp oder BASF in der Lage gewesen, die überzähligen Zertifikate mit Gewinn zu verkaufen. Der Ausstoß von CO2 müsse deutlich mehr kosten und der Zertifikatüberschuss beseitigt werden.
Vor allem sei es nötig, die aus dem Ruder gelaufenen Vorteile für Teile der Industrie deutlich zu beschneiden und die Kosten des Umbaus der Energiewirtschaft endlich fair auf alle Schultern zu verteilen. „Um dies durchzusetzen, darf die Regierung nicht davor zurückschrecken, die schlagkräftigsten Lobbygruppen in Deutschland in ihre Schranken zu weisen. Nur dann wird sie die notwendige Autorität gewinnen, die für die weiteren Reformen bei der Energiewende dringend notwendig ist.“
Doch mit oder ohne Rückenwind von der Politik werden sich Unternehmen intensiver mit ihrem Energieverbrauch befassen müssen. Information und Beratung kommt laut der Mittelstandsinitiative eine zentrale Bedeutung zu: „Ein Potenzial, das nicht erkannt wird, kann nicht aktiviert werden. Investitions- und Förderprogramme, die nicht bekannt sind, können auch nicht in Anspruch genommen werden. Umgekehrt beeinträchtigen auch unübersichtliche Informationen, Auswahlmöglichkeiten und Komplexität die Umsetzung von Maßnahmen.“

Graziella Mimic

 

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Fotos: shutterstock