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AKTUELL Gesundheits-Markt 11/2017

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Gesundheit im Web – da geht was app

Die digitale Transformation betrifft alle Bereiche von Gesellschaft und Wirtschaft. Märkte wandeln sich, Unternehmen stellen ihre Organisation auf den Prüfstand. Doch ein Sektor tut sich noch schwer mit diesem Thema: Das Gesundheitswesen kommt laut Experten nur schleppend voran. 

Digitale Technologien werden das Gesundheitswesen der Zukunft grundlegend wandeln“, schreibt Prof. Dr. Volker Penter, Head of Health Care bei der KPMG AG, im Vorwort der von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft 2016 herausgegebenen Studie „Digitale Gesundheit – Fluch oder Segen? – Wie Technologie Bemühungen um eine effiziente, qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung voranbringen oder scheitern lassen kann“. „Die Veränderungen sind tiefgreifend und gehen über nationale Grenzen hinaus. Chancen und Risiken liegen nahe beieinander.“ Patienten, Ärzte und Manager im Gesundheitswesen sowie auch Politiker seien verunsichert beim Blick auf das, was da auf uns zukomme.

ERHEBLICHE DEFIZITE

„Bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems liegt Deutschland im internationalen Vergleich im hinteren Drittel“, wird Marco Junk, Geschäftsführer des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW), in der Einführung zum Leitfaden „Digitale Gesundheit“ etwas konkreter. Die Zeit der Grabenkämpfe für oder gegen die Digitalisierung scheine inzwischen vorbei zu sein. Doch noch immer gehe es mit Digital Health nur sehr mühsam voran. „Während auf jedem iPhone längst ein umfangreiches Health-Kit vorinstalliert ist, schaffen es die Deutschen erst nach jahrelangen Gefechten, gerade einmal eine Chipkarte einzuführen.“ Glaubt man den jüngsten Untersuchungen, trägt die Bevölkerung keinesfalls die Schuld an diesen unerfreulichen Zuständen. „Ob Fitnesstracker, Online-Sprechstunde oder elektronische Patientenakte: Die Bundesbürger stehen der Digitalisierung des Gesundheitswesens positiv gegenüber“, ergab eine vom Digitalverband Bitkom in Zusammenarbeit mit der Bayerischen TelemedAllianz (BTA) durchgeführte Umfrage. „So nutzen heute bereits 45 Prozent all jener, die ein Smartphone besitzen, Gesundheits-Apps. Solche Apps zeichnen etwa Körper- und Fitnessdaten auf, um die Gesundheit zu verbessern. Weitere 45 Prozent können sich vorstellen, solche Apps künftig zu nutzen.“ Die Gründe für die erheblichen Defizite in Sachen Digitalisierung liegen laut den Experten des BVDW in einer Reihe an Hürden, die einer günstigeren Entwicklung im Wege stehen. Fünf Blockaden haben sie auf dem Weg zur digitalen Gesundheit identifiziert. Als erste Blockade nennen sie die starre Regulierung, die im „Hochregulationsland“ Deutschland die Entstehung von Innovationen hemmen und den technologischen Fortschritt stoppen kann – auch wenn regulatorische Vorgaben Rechtssicherheit garantieren und fairen Wettbewerb erst möglich machen. „In Deutschland sind Innovationen in der Regel erst dann erlaubt, wenn einwandfrei bewiesen ist, dass von ihnen keinerlei Risiko ausgeht. Gerade in der Medizin ist diese Vorsicht selbstredend zu begrüßen, stehen doch Menschenleben auf dem Spiel“, erklären die Verfasser des Leitfadens. „Im digitalen Bereich ist es allerdings wichtig, dieses Thema sehr differenziert zu beurteilen.“ So entbehre etwa das kategorische Fernbehandlungsverbot, das vorschreibt, dass eine ärztliche Behandlung stets persönlich erfolgen muss und nicht virtuell stattfinden darf, jeglicher Vernunft. Vor dem Hintergrund mangelhafter Gesundheitsversorgung – vor allem im ländlichen Raum – sei die allgemeine Praxispflicht, die vorsieht, dass ärztliche Behandlungen an die Niederlassung in einer Praxis gebunden sind, auch nicht nachvollziehbar. In der Tat ist die Stellungnahme der Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte unmissverständlich. So heißt es in §7 Abs. 4: „Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen. Auch bei telemedizinischen Verfahren ist zu gewährleisten, dass eine Ärztin oder ein Arzt die Patientin oder den Patienten unmittelbar behandelt.“

KEINESFALLS ZEITGEMÄSS

Dabei lasse sich mithilfe digitaler Lösungen vielen ungünstigen Entwicklungen entgegensteuern, wie beispielsweise den Folgen der Alterung der Gesellschaft: „Immer mehr Deutsche werden immer älter. Dadurch nimmt die Zahl altersbedingter chronischer Erkrankungen zu, die Kosten für das Gesundheitssystem schnellen in die Höhe“, schildern die Bitkom-Analysten. Dem stehe insbesondere in ländlichen Regionen bereits heute ein Ärzte- und Pflegemangel gegenüber. Lösungsansätze für diese Probleme biete die Telemedizin. Moderne Technik ermögliche dabei eine medizinische Versorgung auch dort, wo die Infrastruktur dünn und Ärzte überlastet sind. Zeitgemäß ist anders, denn somit dürfen Beratung, Diagnose und Behandlung über digitale Medien wie Webplattformen oder Apps nicht stattfinden. „Es wäre zukunftsweisender, dem Arzt freizustellen, Patienten mit der vollen ärztlichen Verantwortung so zu behandeln, wie er es für richtig hält“, empfehlen die BVDW-Experten. Auch in der Praxis übernehme der Arzt schließlich täglich die Verantwortung für seine Patienten. Ferner sei es nicht begründbar, dem Arzt vorzuschreiben, moderne Kommunikationskanäle nicht nutzen zu dürfen, obwohl dies jenseits unserer Landesgrenzen bereits zum Alltag gehört.

KOMPLEXE REGELWERKE

Eine zweite Blockade sieht der BVDW in den „trägen Strukturen der Krankenversicherungen“, die wie in anderen Branchen auch in analogen Zeiten entstanden sind. Auch sie haben ihre Probleme damit, digitale Lösungen in Anspruch zu nehmen wie beispielsweise Medical-Apps, die neben einem medizinischen Mehrwert auch eine Verbesserung der Qualitätsversorgung leisten, und zwar bei gleichzeitiger Einhaltung hoher Datenschutzstandards. Es gebe zwar bereits gute Ansätze, räumen die Leitfaden-Autoren ein und zitieren als Beispiel die Tinnitus-App „Tinnitracks“, die einige Krankenversicherungen auf Rezept erstatten. Weitere Anwendungen wie etwa „Selfapy“ und „Novego“ als Hilfe bei Depressionen, Burnouts und Ähnlichem oder „Mimi“, ein Hörtest und gehörschonender Musikfilter, werden von manchen Versicherern mitunter angeboten. Doch solche Lösungen kommen zu selten zum Einsatz, weshalb hier akuter Nachholbedarf bestehe. Ein starkes Inseldenken identifizieren die Experten als die dritte Hürde, die es zu nehmen gilt: „Ein Innovationshemmnis im deutschen Gesundheitswesen – gerade bei strukturellen und disruptiven Veränderungen wie der digitalen Transformation – wurzelt in den Beharrungskräften der gemeinsamen Selbstverwaltungsgremien von Krankenkassen und Ärzten, die weitestgehend auf den Erhalt des Status quo und den Schutz von Partikular-interessen ausgerichtet sind.“ Dieses Silodenken stelle eine schwere Blockade für die Zusammenarbeit dar. Nicht zuletzt auch vernachlässige es die Bedürfnisse von Versicherten und Patienten. Neben konkreten Handlungsempfehlungen und Aufklärungsmaßnahmen sei vor allem ein kultureller Wandel notwendig, um die Silos zwecks besserer Gesundheitsversorgung aufzubrechen. Datenschutz und -sicherheit bilden die vierte Blockade. Dass gerade im Gesundheitssektor besonders sensible und häufig sogar intime personenbezogene Daten verarbeitet werden, liegt auf der Hand. Umso wichtiger ist der Umgang mit ihnen. Es geht darum, die Privatsphäre der Patienten zu schützen und zugleich das Vertrauen in die Digitalisierung einer ganzen Branche zu stärken. „Allerdings ist das Dickicht aus datenschutzrechtlichen Regelwerken im Gesundheitsbereich besonders komplex und für viele, vor allem junge Anbieter kaum zu überblicken, geschweige denn durchschaubar“, warnt der BVDW und fordert vom Gesetzgeber, er müsse sich der Herausforderung stellen, die Regelungen zu vereinfachen und eindeutige Rechtsklarheit zu schaffen. Darüber hinaus sollte ein aufgeklärter gesellschaftlicher Diskurs über Datenschutz und Privatsphäre im digitalen Zeitalter unbedingt stattfinden. Auch für viele Patienten ist digitale Gesundheit eine überaus komplizierte Angelegenheit. Diese Tatsache und die Ungewissheit bezüglich des Umgangs mit persönlichen Daten bilden die vom BVDW fünfte identifizierte Hürde.

SCHNELLES HANDELN GEFRAGT

„Die Mehrheit der Bundesbürger – 74 Prozent – möchte selbst darüber bestimmen, welche Ärzte Zugriff auf die digitalen Daten in ihrer E-Akte haben“, berichten ihrerseits die Bitkom-Spezialisten. „Jedoch geben auch 60 Prozent an, dass sie damit einverstanden wären, dass behandelnde Ärzte die Daten einsehen und an einen anderen behandelnden Arzt weitergeben.“ Rund 32 Prozent würden diese Entscheidung auch an Familienangehörige übertragen, 24 Prozent seien damit einverstanden, dass die Krankenkasse die Gesundheitsdaten kontrolliert. Eins ist jedenfalls sicher: Zum Wohl des Patienten ist schnelles Handeln angesagt. „Alle Akteure der Branche stehen in der Verantwortung, über Angebote und Potenziale konsequent zu informieren und aufzuklären“, empfiehlt der BVDW. Im Sinne der Transparenz müsse klar kommuniziert werden, wie und wofür die Daten verwendet werden. Dabei könnte die Etablierung von anerkannten Gütesiegeln oder Zertifikaten zusätzlich Vertrauen schaffen. Um die Bekanntheit der Angebote zu erhöhen, seien Ärzte und Krankenkassen gefragt, diese in ihr Beratungsportfolio zu integrieren. Dabei sollten sie eins nicht vergessen: „Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist kein Selbstwert, sondern muss immer vom Patienten aus gedacht werden.“

Graziella Mimic

 

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Fotos: shutterstock

 

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