Aktuelle Ausgabe

Editorial 11/2016

Kategorie: Aktuelle Ausgabe
Editorial 11/2016

Gute Medizin …

Liebe Leserinnen und Leser,
Vor Kurzem stand ich zusammen mit der Personalchefin unseres Krankenhauses in meinem Sekretariat. Meine Sekretärin arbeitete die letzten kleinen Korrekturen in ein Arbeitszeugnis ein, das wir dann beide zusammen am gleichen Tag direkt nach Fertigstellung unterschreiben und versenden wollten.

„Was musst Du heute sonst noch erledigen?“, fragte ich mich während des Wartens. Ah ja, das Editorial für FACTS wartete schon sehr auf seine Erstellung! Worüber also schreiben? Zurück zum Zeugnis: Die Kollegin, die das jetzt fertig zu stellende Arbeitszeugnis bekommen sollte, ist eine sehr gute Ärztin. Darin waren wir uns einig. Sie stand und steht für großen persönlichen Einsatz und eine gute und verantwortungsvolle Art der Medizin. Was ist eigentlich „gute Medizin“? Ich glaubte, diese Frage lediglich in mich hinein gedacht zu haben. Ich hatte sie aber wohl doch ausgesprochen und unsere Personalchefin fragte: „Was meinen Sie mit der Frage?“ Mehr oder minder unbewusst hatte ich die Frage vor mich hingesprochen. Aber: warum eigentlich nicht die Frage konkreter aufgreifen? Vielleicht könnte das ja ein Thema für mein Editorial sein. „Na ja, was stellen Sie sich zum Beispiel vor, wenn Sie an ‚gute Medizin‘ oder ‚gute medizinische Betreuung‘ denken? Wie sieht das für Sie aus? Was muss dann geschehen sein, wenn es gute Medizin war?“, präzisierte ich meine Frage. 

VERSCHIEDENE AUFFASSUNGEN

Unsere Personalchefin gab eine Vielzahl, wie ich meine, gehaltvoller Antworten: „Na ja, gute Medizin zeigt sich zum Beispiel als kompetente ärztliche und pflegerische Begleitung bei der Bewältigung einer Krankheit“, sagte sie. „Man muss mitgenommen werden.“ „Es ist gut, wenn eine gewisse Richtung vorgegeben wird, man aber selbst mitentscheiden kann“. „Keine falschen Versprechungen“... „Ehrlichkeit“... „Technik: ja, aber klar nur im Dienste des Menschen“... „Man sollte die technischen Untersuchungen nicht ‚durchlaufen müssen, weil das so ist‘, sondern es sollte einem Einsicht in die Notwendigkeit und den Sinn einer Untersuchung vermittelt werden.“ Eine ergänzende Frage meinerseits: „Ist dabei Naturmedizin ein Wert an sich?“ ... „Ja, viele Völker leben sehr gut damit!“... Intensivmedizin? Intensivstation? „Ein Segen für diejenigen, die dort sein müssen“... Das Zeugnis war fertig geschrieben. Wir haben es gegengelesen und unterschrieben. Für den Gedankenbeitrag zum Thema „gute Medizin“ habe ich mich bei unserer Personalchefin herzlich bedankt. Das Thema für diesen Beitrag war somit zufällig geboren worden! Es gibt durchaus verschiedene Auffassungen von guter Medizin und so viele individuelle Ausprägungen von Erwartungen, wie es Patienten gibt. Wer als Patientin oder Patient mit Medizin in Berührung kommt, tut dies nicht in allen Fällen freiwillig. Er ist oft in Sorge und Not, hat Angst vor dem, was nun kommt und was ihr/ihm geschehen wird oder gar zustößt. Hier steht die Suche nach dem kommenden Weg oder oft auch einem Ausweg ganz vorne. Man benötigt einen Wegweiser durch die notwendigen Schritte, der klar aufzeigt, in welche Richtung es weitergehen kann, oft auch muss. Hier sind Empfehlungen und Orientierungshilfe gefragt. Gleichzeitig muss die Patientin/der Patient das Geschehen so erleben können, das sie/er sich als aktiv mitbeteiligt und auch mitentscheidend sehen kann. Niemand wünscht sich, dass etwas ohne Möglichkeit zur Mitwirkung und Entscheidung „mit ihm geschieht“. Gute Medizin kommt in der richtigen Mischung aus Distanz und Nähe daher, drängt sich nicht auf, macht aber durchaus konkrete Angebote und Vorschläge zu Diagnostik und Therapie.

SPANNENDES ZIEL

Viel oder wenig Technik in guter Medizin? „Frau Doktor/Herr Doktor, machen Sie alles was geht!“ oder „Tun Sie nur was unbedingt sein muss!“ ?... „Ich will aber kein Versuchskaninchen sein!?“... Gute Medizin muss die Bedürfnisse der Patienten erfragen, erkennen und dafür auf solider, aktueller und möglichst weitgehender Kenntnislage Antworten und Lösungsvorschläge vorbereiten. Diese müssen für die Patientinnen und Patienten verständlich, nachvollziehbar und entscheidbar aufbereitet werden. Gute Medizin muss sich verständlich machen. Sie kann nämlich auch nur ausschließlich oder zumindest viel besser ihr Ziel erreichen, wenn es ihr gelingt, sich plausibel zu machen. Gute Medizin verkauft sich nicht, sie sollte durch ihre Überzeugungskraft den Weg und Zugang zum Patienten finden. Bezüglich der Serviceleistungen einer Arztpraxis, eines Pflegedienstes oder anderer Gesundheitseinrichtungen sind Patienten durchaus Kunden, die einen Anspruch auf guten „Kundendienst“ haben. Das Verhältnis zwischen Ärzten, Pflegekräften und anderen Menschen im Gesundheitsdienst und Patienten geht aber meist weit über das Kunden-Kundendienst-Verhältnis hinaus. Es ist etwas ganz Besonderes, Intimes, sehr oft auch Elementares. – Oder würden sie etwa Menschen, die Angst um ihr Überleben oder ihre körperliche Unversehrtheit haben, im ursprünglichen Sinn alleinig als „Kunden“ auf der Suche nach einem „guten Diensleister“ bezeichnen? Ob die reine Schulmedizin, alle Leistungen der Intensivmedizin, wohldosierte Hightech-Medizin, Naturmedizin oder die Integrative Medizin, die eine Synthese zwischen den beiden anderen Bereichen zu finden versucht, am besten geeignet ist, dies muss zusammen mit den Patienten und oft auch mit seiner Familie überlegt und ausgewählt werden. Das wichtigste Prinzip darf aber nie aus den Augen verloren werden: Die Medizin ist für Patienten da, nicht umgekehrt! Daran haben sich alle Leistungserbringer im Gesundheitssytem zu orientieren. Dies gilt unabhängig davon, ob wir über Geburtshilfe, Kinderheilkunde, Erwachsenenmedizin, Altersmedizin, Palliativmedizin oder die Medizin der letzten Lebensphase reden. Das gilt übrigens auch für Vorsorge- und Check-up-Medizin! Was also ist „gute Medizin“? Wahrscheinlich ein wenig von alledem, was oben erwähnt wurde. Aber für jeden Menschen in einer etwas anderen Komposition oder Dosierung, orientiert an persönlichen Wünschen und Notwendigkeiten. Ein spannendes und befriedigendes Ziel für diejenigen, die sich bemühen, gute Medizin zu „machen“. Wie eben auch für die Menschen, die die Beiträge zu diesem FACTS-Gesundheits-Special gestaltet haben. Irgendwie eine ziemlich tolle Aufgabe, oder …? Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen und interessante neue Einsichten beim Lesen dieser FACTS-Gesundheits-Spezialausgabe!


Herzlichst, Ihr Thomas Budde

 

DrBudde

„Gute Medizin muss die Bedürfnisse der Patienten erfragen, erkennen und dafür auf solider, aktueller und möglichst weitgehender Kenntnislage Antworten und Lösungsvorschläge vorbereiten..“

Prof. Dr. med. Thomas Budde, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie (European Cardiologist Diploma) und Spezielle Internistische Intensivmedizin und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin I am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen

 

 



 
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