Aktuelle Ausgabe

AKTUELL Belegungs-Management 11/2016

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Der Wächter am Tor

Unter Belegungsmanagement verstehen die meisten lediglich die Terminierung und Koordinierung der Patienten im Rahmen ihrer stationären Aufnahme. Doch es beinhaltet viel mehr als nur das und behält als interdisziplinäre Schnittstelle sämtliche Prozesse um die Behandelten im Blick.


Wer ins Krankenhaus muss, macht sich über vieles Gedanken – angefangen bei der Kompetenz der Ärzte- und Pflegeteams über die Einrichtung der Zimmer bis hin zu der Verpflegung oder den Besucherzeiten. Sogar die Frage, wie einladend die Cafeteria ist und ob ein Kiosk für die Versorgung mit Zeitschriften oder Hygieneartikeln vorhanden ist, beschäftigt den künftigen Patienten. Über Eines macht er sich jedoch keinen Kopf: sein Bett. Dass es für ihn eins gibt, hält er für selbstverständlich. Welche Abläufe im Hintergrund stattfinden müssen, damit für jeden eingewiesenen Patienten auch ein stationärer Behandlungsplatz bereitsteht, darüber wissen die wenigsten Bescheid. Dabei zählt das Bett- oder Belegungsmanagement für Kliniken und Krankenhäuser ganz klar zu den zentralen Erfolgsfaktoren. „Der Stellenwert von zentral gesteuerten Prozessen in Krankenhäusern hat in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen“, schreibt die Unternehmensberatung für Krankenhäuser, Psychiatrien und Rehakliniken ZeQ auf ihrer Internetseite. Zu diesen Prozessen gehöre auf jeden Fall das zentrale Belegungsmanagement, dessen Aufgabe darin besteht, die vorhandenen Bettenkapazitäten so zu koordinieren und zu lenken, dass für alle Elektiv- und Notfallaufnahmen sowie internen Verlegungen ein Bett zur Verfügung steht. Dabei gelte es zu berücksichtigen, dass es kein pauschalisiertes Modell zur Ausgestaltung eines Belegungsmanagements gibt, sondern jedes Krankenhaus in Abhängigkeit unterschiedlicher Faktoren wie krankenhausindividueller Prozesse und verfügbarer Ressourcen eine eigene Lösung zu finden hat. Vor allem hat jedes Krankenhaus eine eigene Philosophie. „Selbstverständlich müssen Krankenhäuser wirtschaftlich denken und handeln, doch der gute Umgang mit den Menschen – Patienten wie auch Mitarbeitern – soll dabei vorrangig bleiben“, erklärt Heiko Landenberger, Leiter Belegungs- und Case Management am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen. „Darüber hinaus ist es wichtig, nachhaltig zu handeln und somit für eine dauerhafte Patientenbindung zu sorgen.“ In der Tat stellen Landenberger und sein Team bei ihrer Arbeit den Patienten stets in den Mittelpunkt und tun alles dafür, um diesem einen sicheren Zugang zu den Leistungen zu gewährleisten. „Wir sind der zentrale Ansprechpartner sowohl für die in unser Krankenhaus eingewiesenen Menschen als auch für die Notaufnahme“, sagt Landenberger. „Dies erfordert besondere Kompetenzen und ein gewisses Grundwissen. Wird beispielsweise ein Patient mit akuten Bauchschmerzen eingeliefert, müssen die Mitarbeiter des Ärztlichen Dienstes in Zusammenarbeit mit dem Belegungsmanagement erkennen, wo dieser hin muss.“ Aus diesem Grund stellt Landenberger gerne erfahrene Mitarbeiter ein, wie etwa ehemalige Stationsleiter oder Beschäftigte der Intensivstation. „Diese Vorgehensweise hat sich bewährt“, zieht der Manager sein Fazit. „Wir haben sehr geringe Fluktuationen."

GENUG SPIELRAUM

Wirtschaftliche Aspekte verliert Landenberger dabei selbstverständlich nie aus den Augen, denn es geht auch darum, Kapazitäten zentral zu steuern und zur Verfügung stehen-de Ressourcen bestens auszulasten. „Im Alfried Krupp Krankenhaus stellen 92 Prozent die höchstmögliche Belegungsform dar“, schildert der Manager. „So bleiben wir stets flexibel und schaffen uns Spielraum für unvorhergesehene Anforderungen wie notwendige interne Verlegungen oder Notfälle.“ Die Durchführung von Analysen der verschiedenen Abteilungen und Bereiche hilft, exakt darüber informiert zu sein, welche Ressourcen einsetzbar sind, sowohl was die Mitarbeiter – dazu zählen Pflege- wie ärztliche Kräfte – als auch die Technik (Untersuchungsgeräte, OP-Räume und Ähnliches) angeht.

SCHNITTSTELLENFUNKTION

„Dies ist extrem wichtig. Wir müssen zum Beispiel immer ein Auge darauf haben, wie viele Patienten auf einen Arzt oder einen Pflegemitarbeiter kommen. Spannt man den Bogen zu weit, muss man Qualitätseinbußen in Kauf nehmen“, erörtert Landenberger. „Wir sind sozusagen der Wächter am Tor.“ Mit dieser „Gatekeeper-Funktion“ und dem Patientengespräch bei der Aufnahme fängt in der Tat alles an. In einem zweiten Schritt erfolgt im Rahmen der Broker-Funktion die zielgerichtete Führung des neuen Patienten zu den nötigen Leistungen – ohne Vergeudung von Ressourcen. „Es liegt auch in unserem Aufgabenbereich, darauf zu achten, dass keine Doppeluntersuchungen durchgeführt werden“, betont Landenberger. Und schließlich sieht die dritte Säule des Belegungsmanagements, die sogenannte Advocacy-Funktion, die Vertretung des Patienten gegenüber dem Krankenhaus vor. „Wir fungieren als Schnittstelle“, bringt es Landenberger auf den Punkt. „Da ist es wichtig, darüber informiert zu sein, wenn einmal etwas nicht optimal läuft. Eine konsequente Fehlerkultur erlaubt es, aus Fehlern zu lernen und diese künftig zu vermeiden.“ Und nicht zuletzt umfasst auch die Schnittstellenfunktion die Kooperation mit den Ärztlichen Diensten. „Belegungsmanagement ist ein hochsensibler Bereich, der nur auf der Basis einer gut verstandenen Netzwerkarbeit erfolgreich sein kann“, schildert Prof. Dr. med. Thomas Budde, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie (European Cardiologist Diploma) und Spezielle Internistische Intensivmedizin und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin I am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen. „Daher finden wöchentlich gemeinsame Fallbesprechungen statt, in deren Rahmen Informationen über die Patienten ausgetauscht werden.“ „Unser primäres Ziel ist es, so schnell wie möglich die Autonomie des Patienten wiederherzustellen und für ihn eine zufriedenstellende Entlassungssituation zu gewährleisten“, sagt Landenberger abschließend. „Vor allem dürfen neben den bekannten und oft zitierten ökonomischen Aspekten des Belegungsmanagements auch die ethischen Gesichtspunkte nicht zu kurz kommen. Schließlich dienen diese einer nachhaltigen Patientenbindung und somit dem wirtschaftlichen Erfolg eines Krankenhauses.

Graziella Mimic

 

Landenberger

„Neben den bekannten und oft zitierten ökonomischen Aspekten des Belegungsmanagements dürfen auch die ethischen Gesichtspunkte nicht zu kurz kommen."

Heiko Landenberger, Leiter Belegungs- und Case Management am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen

 

 

 

 

 

Dr Budde

„Belegungsmanagement ist ein hochsensibler Bereich, der nur auf der Basis einer gut verstandenen Netzwerkarbeit aller Prozessbeteiligten – einschließlich des ärztlichen Diensts – erfolgreich sein kann."

Prof. Dr. med. Thomas Budde, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie (European Cardiologist Diploma) und Spezielle Internistische Intensivmedizin und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin I am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen

 

 

 

 

 
 Fotos: shutterstock, Alfried Krupp Krankenhaus Essen